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Jie Mitglieder abzusetzen. Es gehörte zu den ersten Versuchen, welche
ler Kreisrichter Schulze in Delitzsch unternahm, die Schuhmacher des Ortes
zu einem solchen Verein zusammen zu thun, um gemeinsam die Leder-
oinkäufe durch einen Vertreter besorgen zu lassen, dadurch bei dem
Einkauf im Grossen Rabatte zu erzielen und diese durch erweiterte
Barzahlung zu erhöhen. Durch die Solidarhaft der Mitglieder war es
ihnen leicht, die nötigen Summen gegen einen niedrigen Zinsfuss zu
arlangen, um den Einkauf ganz oder zum grössten Teile gegen Bargeld
bewirken zu können, oder bei den Engroshändlern ohne Kosten einen
arheblichen Kredit zu erlangen. Das Verfahren zeigte sich als ebenso
erspriesslich für die Handwerker wie für die Lieferanten und gewann
eine Zeit lang bei den Handwerkern eine gewisse Ausdehnung, um
dann aber ins Stocken zu geraten und in engen Grenzen stehen zu
oleiben. So zählte man in Deutschland 1899 nur 82 gewerbliche Roh-
stoffgenossenschaften. Gerade in der neusten Zeit ist dagegen die
Aufmerksamkeit der Landwirte darauf gerichtet, so dass in demselben
Jahre bereits 1193 landwirtschaftliche Rohstoffgenossenschaften exis-
tierten, um gemeinsam für die grösseren und kleineren Landwirte
Düngestoffe, Futtermittel, Saatgetreide womöglich auf Grund beson-
derer Begutachtung durch wissenschaftlich geleitete Versuchsstationen
zu beziehen, und dadurch die Garantie vorzüglicher Qualität zu er-
halten, was für den Einzelnen unausführbar bleiben muss. Dieselben
3aben wesentlich dazu beigetragen, auch den Bauern zur Verwendung
der erwähnten Hülfsmittel zu bewegen und damit den Aufschwung
der Landwirtschaft erheblich zu unterstützen,
Die hohe Bedeutung von Genossenschaften kleiner Handwerker, Magazinge-
um gemeinsame Magazine einzurichten und zu beschicken, um dem nossenschafts
Publikum, wie es jetzt allgemein verlangt wird, Gelegenheit zu grösserer WR.
Auswahl zu bieten, und es dem Handwerker zu ermöglichen, in den
Zeiten, . wo ihm Bestellungen von den Kunden nicht vorliegen, auf
Lager zu arbeiten, liegt so auf der Hand, dass es geradezu unbegreif-
lich erscheint, dass dieselben sich nicht in einem höheren Masse ein-
bürgern konnten, indem man 1899 nur 67 Magazingenossenschaften
vewerblicher Art zählte, gegen 106 landwirtschaftliche, zu denen wohl
hauptsächlich die Kornhäuser gehören, die in der neueren Zeit eine
besondere Beachtung gefunden haben.
Der Grund, weshalb die Handwerker sich nur so selten zu den
beiden letzterwähnten Associationen entschliessen, liegt in dem Kon-
kurrenzueid und dem grossen Misstrauen der Handwerker gegen-
einander. Ist jemand mit dem Einkauf von Ware betraut, so stellt
sich zu leicht Unzufriedenheit mit der Ware ein und eine Anzahl der
Mitglieder glaubt selbst den Einkauf besser bewirkt haben zu können.
Bei der Verteilung der Ware meint der Eine oder der Andere benach-
teiligt zu sein und schiebt dieses auf persönliche Rancune, Das ge-
meinsame Magazin wird der Reihe nach von den Mitgliedern besorgt,
die wöchentlich oder monatlich wechseln. Der Beauftragte hat es in
der Hand, seine eigenen Waren und die seiner Freunde, z. B. Möbel-
stücke mehr in den Vordergrund zu stellen, die übrigen mehr zurück-
zuschieben. Unzulängliche Arbeit einzelner Mitglieder, die z. B. Stühle
der Kommoden für eine Zimmereinrichtung zu liefern haben, diskre-
ditieren das Ganze. Dadurch entstehen Streitigkeiten um so leichter,
Conrad. Grundriss d. polit. Oekonomie. IT. Teil. 3. Aufl,