Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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nach dem anderen sind dahingehende Gesetze durchgeführt und haben 
sich bewährt. Im Prinzip wird solches Vorgehen jetzt kaum noch be- 
kämpft. Die Arbeiterschaft selbst strebt mit wachsender Energie in 
allen in betracht kommenden Ländern nach einer Abkürzung des 
Arbeitstages. Das Bedürfnis wird immer reger und dringender, je Notwendig- 
mehr sich geistige Bedürfnisse in der Arbeiterbevölkerung regen. Sie keit der 
wird um so notwendiger, je schlimmer sich die Wohnungsverhältnisse \okürzung der 
in den Städten gestalten, denen der Arbeiter sich nur entziehen kann, a 
wenn ihm die Zeit gelassen wird, ausserhalb der Stadt zu wohnen und 
mit den modernen Hülfsmitteln der Strassenbahnen, des Fahrrads ete. 
nach der Stadt zu kommen. Dieses Evacuieren der Städte liegt im 
Gesamtinteresse, wie ebenso die Hebung der Gesundheit, der Konser- 
vierung der Arbeitskraft bis in ein höheres Alter durch Vermeidung 
der Ueberanstrengung, wie sie heutigen Tages noch weit verbreitet ist. 
Dazu kommt, dass durch eine Menge Beispiele belegt ist, dass die Ab- 
kürzung der Arbeitszeit, so lange sie sich in angemessenen Grenzen 
hält, die Gesamtproduktion nicht beeinträchtigt, dagegen die Produktions- 
kosten vermindert. Schon vor längerer Zeit setzte die Schnellpress- 
druckerei von König & Bauer in Oberzell die Arbeitszeit um volle andert- 
halb Stunden herab und konstatierte nach Ablauf einiger Zeit, dass 
dieselbe Arbeiterschaft im Jahre dieselbe Zahl von Maschinen ab- 
geliefert hätte, als vorher bei der längern Arbeitszeit. In der neusten 
Zeit ist in der berühmten Fabrik optischer Instrumente von Zeiss 
(Professor Abb6) in Jena der achtstündige Arbeitstag durchgeführt, 
und nach Ablauf eines Jahres war der Leiter in der Lage zu er- 
klären, dass sich die Massregel vollständig bewährt und die Fabrik 
dabei keinen Schaden erlitten habe. Der Schreiber dieses ist in den 
fünfziger Jahren in Westpreussen als praktischer Landwirt thätig ge- 
wesen, wo die Arbeitszeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang 
währte, so dass sie in der Mitte des Sommers um 3'/, Uhr begann 
und erst gegen 9 Uhr beendigt wurde. (Seitdem ist eine Kürzung 
eingetreten. Es wird jetzt dort erst um 6 Uhr die Arbeit begonnen.) 
Als er darauf in der Niederlausitz in Stellung war, wo die Arbeitszeit 
auch im Sommer erst um 6 begann und um 7 aufhörte, konnte er kon- 
statieren, dass dort mindestens ebenso viel von den Arbeitern geleistet 
wurde als in Westpreussen mit einer 3—4 Stunden längeren Arbeitszeit 
pro Tag. Die menschliche Arbeitskraft hält für so lange Zeit nur vor, 
wenn sie fortdauernd geschont wird. Der Arbeiter gewöhnt sich daher 
bei zu langer Dauer an ein langsameres Tempo, um mit seinen Kräften 
hauszuhalten. Namentlich wo Akkordarbeit vorliegt, nimmt der Arbeiter 
von selbst allmählich ein schnelleres Tempo an, wenn ihm nur eine 
kürzere Frist eingeräumt wird, und er schafft dasselbe, da er mit 
grösserer Frische thätig ist. Dazu kommt, dass auf diese Weise alle 
Hülfsmittel in den Fabriken, vor allem die Motoren in jedem Momente 
eine intensivere Ausnutzung erfahren und darum billiger arbeiten. Es 
werden am Tage weniger Kohlen verbraucht und doch wird dasselbe 
erreicht. Natürlich liegen hier gewisse Grenzen vor, die nicht über- 
schritten werden dürfen, soll nicht das Ergebnis in das Gegenteil 
umschlagen. Die Arbeiterschaft muss auch Zeit haben, sich an die 
Neuerung zu gewöhnen, sonst liegt allerdings die Gefahr vor, dass sie 
nur die Genusssucht steigert, zu Extravaganzen führt und zu Zeitver-
	        
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