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bereits viel gewonnen, und beide Vereine traten schnell in nähere Be-
ziehung. Schon ein Jahr darauf, 1829, traten Sachsen und eine Anzahl
mitteldeutscher Staaten zu einem mitteldeutschen Handelsverein
zusammen, dessen Hauptaufgabe indessen nur darin bestand, sich ge-
schlossen dem preussischen entgegen zu stämmen. Gleichwohl gelang
es Preussen noch in demselben Jahre, mit Gotha und Meiningen
Verträge zu schliessen, wodurch der Handelsverkehr zwischen dem
norddeutschen und süddeutschen Zollverein auf zwei grossen Strassen
freigegeben wurde, 1831 schloss sich Kurhessen an den nördlichen
Verein an. Endlich im Jahre 1833 gelang es durch Spezialverträge,
die verschiedenen Vereine zu einem gemeinsamen deutschen Zollverein
zusammen zu schliessen, der am 1. Januar 1834 in das Leben trat.
Er vereinigte 18 deutsche Staaten mit gegen 23 Millionen Einwohnern.
Damit war ein grösseres Territorium mit einheitlichem Zolltarif und
endlich innerem freien Verkehre gewonnen und ein bedeutender Schritt
auch zur politischen Einigung Deutschlands gemacht. Es war einer der
bedeutendsten Momente in der neuzeitlichen Entwicklung Deutschlands.
Der Amerikaner Perry sprach noch Anfang der siebziger Jahre in seinem
weit verbreiteten, viel benutzten Lehrbuch der politischen Oekonomie
aus: Deutschland habe durch die Gründung des Zollvereins mehr für
die Wissenschaft gethan, als durch seine theoretischen Schriften.
Freilich wusste er, wie wir persönlich konstatieren konnten, nichts von
der Existenz eines Heinrich von Thünen, Herrmann, Roscher u.8.w.
Der Vertrag zwischen den Zollvereinsstaaten wurde zunächst auf
8, dann auf 12 Jahre geschlossen. Jedem Lande war bei Aenderungen
des Zolltarifes ein Einspruchsrecht gewahrt, jedes Land hatte die Zoll-
verwaltung an der eigenen Grenze zu übernehmen. Die Zolleinkünfte
wurden nach der Bevölkerungszahl verteilt, wobei indessen einzelnen
Ländern, z. B. Hannover, später ein gewisser Vorzug eingeräumt war.
Dass bei dieser Selbständigkeit der einzelnen Länder nur schwer die
Einigkeit aufrecht zu erhalten war, und schwere Kämpfe durchgemacht
werden mussten, ist leicht erklärlich; zumal der prinzipielle Gegensatz
vorlag, dass die süddeutschen Staaten schutzzöllnerisch, Preussen da-
gegen freihändlerisch gesinnt waren. Die grosse Wohlthat der Beseiti-
gung der Binnenschranken trat aber so scharf zu Tage, dass an eine
Neuaufrichtung derselben nicht ernstlich gedacht werden konnte, und
bei allen aufeinander platzenden Gegensätzen schliesslich die Not-
wendigkeit einer Einigung die Entscheidung brachte. Preussens Ein-
fluss überwog in der Hauptsache, und so wurde denn der preussische
Tarif zunächst massgebend auch für die Zollvereinstarife.
Oesterreich hatte von jeher dieses Einigungswerk mit scheelen
Augen angesehen, ohne aber zunächst eine praktische Einwirkung zu
versuchen. Erst nach dem Sturze Metternichs und dem KEintritte
des Fürsten Schwarzenberg als Leiter Oesterreichs begann es ernstlich
an eine Vereinigung mit dem Zollverein zu denken, der dann natürlich
unter die Herrschaft Oesterreichs gebracht werden sollte. Der öster-
reichische Handelsminister Baron von Bruck erkannte in einer Denk-
schrift von 1850 rückhaltslos an, dass ein politischer Verein nur noch
auf Grund einer Zollvereinigung bestehen könne und einen Sinn habe,
und wenn Oesterreich einen Einfluss auf Deutschland ausüben wolle,
dieses nur durch einen deutsch-österreichischen Zollverein geschehen
‚ründung des
deutschen
Zollvereins,
\esterreichs
Stellung.