Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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nahme der Bevölkerung fortdauernd von Jahr zu Jahr gesteigert, ohne 
dass die Landwirtschaft den erwarteten Vorteil erreichte. Die In- 
dustrie hatte durch den Zollkampf beträchtlich gelitten. Die Zunahme 
der Ausfuhr war nur sehr unbedeutend, in manchen Branchen hatte 
sie sogar Einbusse erlitten. Die Einfuhr war dagegen nicht aufge- 
halten, sondern beständig gestiegen, so dass nicht, wie die Schutzzöllner 
gehofft, die Unterbilanz sich verminderte, sondern im Gegenteile steigerte. 
Dazu kam der sich verschärfende politische Gegensatz als die not- 
wendige Folge des wirtschaftlichen Kampfes. 
Unter diesen Verhältnissen sah sich der Nachfolger Bismarcks, 1Handels- 
der Reichskanzler von Caprivi genötigt, wieder zu der Handelsver- vertragspolitik 
tragspolitik zurückzukehren, und wenn auch der Altreichskanzler von Caprivis. 
seinem Ruhesitze aus seine Missbilligung dieses Vorgehens bekundete, 
so kann es kaum einem Zweifel unterliegen, dass er sich gleichfalls 
genötigt gesehen haben würde, wenn er am Ruder geblieben wäre, 
wenige Jahre darauf dieselbe Richtung einzuschlagen. Hat er doch oft 
genug gezeigt, dass er stets bereit war, aus den Thatsachen zu lernen 
und ihnen Rechnung zu tragen, eventuell auch im Gegensatz zu früher 
ausgesprochenen Anschauungen, 
Ohne erhebliche Konzessionen waren aber natürlich Handelsver- 
träge nicht zum Abschluss zu bringen, und hierbei waren die Getreide- 
zölle vor allem in Betracht zu ziehen. Da zugleich im Jahre 1891 
infolge grosser Missernten die Getreidepreise bedeutend in die Höhe 
zegangen waren, so erlangte in dem folgenden Jahre 1892 der vorgelegte 
Handelsvertrag mit Oesterreich trotz energischer Opposition eines 
grossen Teiles der Grossgrundbesitzer die überwiegende Majorität im 
Reichstage. Der Zoll für Brotgetreide wurde auf 31/, Mk. ermässigt. 
Oesterreich setzte seine Zölle auf Textilwaren um ca. 20 9% herab und 
gewährte für Eisen, Glas-, "Thonwaren, besonders für Maschinen nicht 
unbedeutende Ermässigungen, wofür Deutschland namentlich eine An- 
zahl Halbfabrikate, aber auch fertiger Waren zu einem niedrigeren Satze 
in das Land hineinliess. Auf dieser Basis gelangte die Regierung noch 
mit verschiedenen anderen Ländern, so mit Rumänien und Serbien 
zu einer angemessenen Zolleinigung. Nur mit Russland war diese zu- 
nächst nicht zu erreichen; vielmehr entspann sich ein verschärfter Zoll- 
kampf, indem Russland Deutschland nicht die Begünstigungen gewähren 
wollte, die es Frankreich eingeräumt hatte. Darauf antwortete Deutsch- 
land mit einem Zuschlage von 50%, auf russische Waren, das schloss 
für Brotgetreide einen Zoll von 7 bis 7,50 Mk. pro Doppelzentner ein, 
der vollständig prohibitiv wirkte und von seiten Russlands abermals 
Gegenschläge hervorrief. Beide Länder litten erheblich unter diesem 
Verhältnis, aber erst im Februar 1894 gelang es zu einer Einigung zu 
kommen, worauf der nene Handelsvertrag vom 20. März 1894 basierte. 
Damit war denn bis zum Ablauf des Jahres 1903 der Handelsverkehr 
mit dem Auslande geregelt und festgelegt. Der Kaiser bezeichnete 
öffentlich dies Werk Caprivis als eine rettende "That von höchster Be- 
deutung. Der gewaltige Aufschwung, der sich im Laufe der neunziger 
Jahre in Deutschland vollzogen hat, ist dadurch wesentlich bedingt, wie 
aus allen Handelskammerberichten genügend zu ersehen ist. Andere 
Länder, wie namentlich Frankreich, hatten dagegen nur eine unbe- 
deutende Steigerung der Ausfuhr, und in manchen Branchen sogar 
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