Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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fähigkeit wieder herzustellen. Macht aber der Besitzer Bankrott und 
;st ein angemessener Preis dafür nicht zu erhalten, so verlieren auch 
die Hypothekengläubiger einen Teil ihrer Forderungen. Nimmt dieser 
Zusammensturz weitgehende Dimensionen an, gehen dadurch die Hypo- 
theken grösserer Anstalten, z. B. von Lebensversicherungsgesellschaften 
verloren, so kann dadurch eine grosse Zahl von Witwen und Waisen 
am die Hülfe in der Not nach dem Tode des Ernährers kommen und 
viel Elend verbreitet werden. Es wird deshalb im Interesse der Ge- 
zamtheit liegen, derartige Verluste möglichst zu vermeiden. 
Es ist einleuchtend, dass deshalb ein prinecipieller Unterschied 
zwischen den verschiedenen Produktionszweigen nicht zu machen ist und 
dass es sich ebenso notwendig erweisen kann, der Landwirtschaft mit 
einem Schutzzoll zu Hülfe zu kommen, wie Bergwerken oder der 
Industrie, resp. einzelnen Zweigen der Industrie, nur dass, wie wir sahen, 
man auf die Wirkung Rücksicht nehmen muss, die dieser Schutz nach 
anderen Richtungen ausübt, 
Fälle der Die Schutzzölle allein aber reichen nicht aus, um Produktions- 
Jnwirksamkeitzweige zur Blüte zu bringen. Sie werden vielmehr nur eine günstige 
der Wirkung zeigen, wenn nicht nur die natürlichen Vorbedingungen dazu 
“vorhanden sind, sondern auch die Bevölkerung die nötige Intelligenz, 
Unternehmungslust und richtiges Verständnis für die Unternehmungen 
zeigt. So lange in der Türkei, in Serbien und Griechenland die Be- 
völkerung ohne Fleiss und Betriebsamkeit ist, werden Schutzzölle nicht 
eine Anregung zu höherer Leistung bringen, sondern im Gegenteil nur 
lie Trägheit fördern. Die höheren Preise werden nur dazu iühren, 
dass noch eine grössere Erschlaffung um sich greift und man im alten 
Schlendrian weiter verharrt. 
Ist daher nicht mit Bestimmtheit zu erwarten, dass ein erhöhter 
Schutz angemessen verwertet wird, oder zeigt es sich, dass der bisherige 
Schutz entbehrt werden kann, weil der Produktionszweig die Kon- 
kurrenz mit dem Auslande ohne Schaden zu ertragen vermag, so wird 
der Schutzzoll nur im höchsten Grade ungerecht und schädlich sein, 
denn jede Beschränkung der Konkurrenz fördert dann nur die Indolenz 
und bringt die Produktion leicht in eine falsche Richtung. Daher hat 
es sich oft gezeigt, dass die Beseitigung eines Schutzzolls, durch den 
man zuerst den Untergang einer Anzahl Fabriken befürchtete, im Gegen- 
teil zu einem allgemeineren Aufschwung führte. Die Erkenntnis, dass 
in der bisherigen Weise nicht weiter gewirtschaftet werden könne, be- 
wirkt das Eingehen einer Anzahl veralteter Unternehmungen, dagegen 
Änden sich dann jüngere Kräfte, die sich zu besonderen Anstrengungen 
aufraffen, um der vermehrten Konkurrenz gewachsen zu sein. Das war 
in Schleswig-Holstein nach 1866 der Fall, wo es in den deutschen 
Zollverein einverleibt wurde; ebenso nach der Einverleibung Ne apels in 
Italien. In England nahm die Landwirtschaft nach Beseitigung der 
Getreidezölle einen unerwarteten Aufschwung durch den allgemeinen 
Uebergang zu Grasbau und Viehzucht. 
Ein bestehender Schutzzoll darf nur langsam und mit Vorsicht 
aufgehoben werden, da die plötzliche Beseitigung die Gefahr einer inten- 
siven Schädigung einer Anzahl Unternehmungen mit sich führt, die auf 
Grund der bisherigen Verhältnisse eingerichtet und nur ihnen angepasst 
waren. Ihnen muss eine Uebergangsfrist gewährt werden. um sich den
	        
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