Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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Trotz der modernen Erleichterung des Warenbezuges hat diese Hausierhandel, 
Form für den Konsumenten auch heutigen Tages noch ihre Berech- 
tigung. In sehr zerstreut bewohnten Gegenden, wie im Gebirge, dann 
auf dem platten Lande wird der Bevölkerung viel Zeit, Mühe und 
Gelegenheit unnützer Ausgaben auf Märkten u. s. w. erspart, wenn ihnen 
die laufenden Bedürfnisse und besondere Waren im Hause selbst an- 
geboten werden. Das ist nicht nur bei Lebensmitteln der Fall, indem 
Fleisch- und Backwaren herumgefahren werden, sondern Nadeln, Zwirn, 
Bänder, auch Zeuge etc., dann Geräte mannichfaltiger Art, wie Eisen- 
waren u. dergl. Für den Produzenten hat diese Form ihre Bedeutung, 
um den Produkten erweiterten Absatz zu schaffen, sowohl neue 
Artikel bei dem Publikum bekannt zu machen, wie billigere, veraltete 
Modeartikel, schadhafte oder sonst nicht vollkommene Ware bei einem 
anspruchsloseren Publikum unterzubringen. Das letztere geschieht in 
der besonderen Art der Wanderlager und Wanderauktionen, vorüber- 
gehender Ramschbazare ete. Sie haben ihre Berechtigung, indem da- 
durch den Fabriken Gelegenheit geboten ist, aufgespeicherten Ausschuss 
abzustossen, den sie aus Rücksicht für ihr Renommee dem gewöhn- 
lichen Kunden nicht verkaufen können, der aber Brauchbarkeit noch 
sehr wohl besitzen kann, wie z. B. etwas verbogene oder bestossene 
Schüsseln, Töpfe; Zeuge, die Flecke bekommen haben ete., woran sich die 
ländliche Bevölkerung oder städtische Arbeiterbevölkerung nicht stösst, 
sondern froh ist, auf diese Weise eine hübsche Ausstattung zu einem 
billigen Preise erlangen zu können, während der Fabrikant dadurch 
noch einen geringen Erlös erlangt, und die Volkswirtschaft einen Nutzen 
davon hat, dass diese Gegenstände noch eine volkswirtschaftliche Ver- 
wendung finden. 
Von besonderer Bedeutung hat sich in der neueren Zeit der 
Hausier- oder Kolportagehandel in dem Buchhandel erwiesen. Es ist 
eine Thatsache, dass dadurch viele unserer Klassiker in der neueren 
Zeit eine ganz ausserordentliche Verbreitung in der unteren Bevöl- 
kerung gewonnen haben, und Fachmänner haben erklärt, dass dies 
auf andere Weise unmöglich gewesen wäre. Dass damit auch zu 
gleicher Zeit die Möglichkeit vorliegt, Schundlitteratur zu verbreiten und 
vergiftend zu wirken, kann nicht geleugnet werden. Solche zwei Seiten 
liegen stets bei der Freiheit des Verkehres vor. Aber die Furcht vor 
Auswüchsen kann nicht ein Grund sein, die Freiheit zu beschränken, 
so lange man die Hoffnung haben kann, dass bei gesunder Entwicklung 
der Kultur das Bessere mehr und mehr das Schlechtere verdrängt. 
Der Hausierhandel ist ausserdem ein wirksames Mittel zur Unter- 
stützung namentlich der Hausindustrie, wie in früheren Zeiten die 
Solinger Messerwaren auf solche Weise vertrieben wurden; in der 
neueren Zeit Korbwaren, Holzschnitzereien, Spitzen u. dergl. Ist damit 
auch mitunter Belästigung des Publikums verbunden, so liegt doch 
kein Grund vor, denselben prinzipiell zu bekämpfen und ihm das 
Lehen zu erschweren. 
Erheblichere Schattenseiten, um derentwillen er in der neueren 
Zeit intensiv bekämpft ist, hat der Hausierhandel, indem der Hausierer 
nicht auf ein bestimmtes Publikum angewiesen ist, und daher auch 
nicht wie der sesshafte Händler durch sein eigenes Interesse eine Ver- 
anlassung hat, sich das dauernde Vertrauen seiner Kunden zu ver- 
DA x 
ınderlager, 
Bazare.
	        
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