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Gegen diese Grundregel wird aber in der Praxis sehr häufig
verstossen und extensive Wirtschaft ohne weiteres als schlechte Wirt-
schaft angesehen, intensive als eine gute und intelligent geführte, was
grundfalsch ist. Häufig kann man beobachten, dass. Landwirte aus dem
Westen, aus Sachsen, Hannover, Mecklenburg in die östlichen Pro-
vinzen Preussens kommen, dort für die Güter verhältnismässig hohe
Preise zahlen, in der Meinung, durch den intensiveren Betrieb ihrer
Heimat auch dort höhere Erträge zu erzielen. Mit der Zeit erfahren
sie, dass sie damit schlechte Geschäfte machen, d. h. zu teuer wirt-
schaften, weil dort verhältnissmässig mehr Arbeitskräfte gehalten
werden müssen, da Ernte und Saat im Herbst viel mehr aneinander
rücken, die Viehhaltung sich weit weniger bezahlt macht, weil bei der
dünnen Bevölkerung der Absatz schwieriger, die Preise niedriger sind,
ausserdem bei dem ungünstigeren Klima mehr Missernten vorkommen,
und künstlicher Dünger nicht die gleiche Wirkung hat, als im Westen,
Der unzureichende pekuniäre Erfolg führt sie dann erst auf die
Thünen’sche Lehre und beweist ihnen ihre Wahrheit.
8 8.
Die Thünenschen Kreise in der Wirklichkeit und ihre
Modifikationen.
v. d. Goltz, Landwirtschaftliche Taxationslehre. Berlin 1882.
Ders., Handbuch der landwirtschaftlichen Betriebslehre. Berlin 1886.
Wiskemann, Die antike Landwirtschaft und das v. Thünen’sche Gesetz,
Leipzig 1859.
Die Beobachtung der Wirklichkeit zeigt die Richtigkeit der Im Altertum.
Thünenschen Aufstellungen. Wiskemann hat gezeigt, dass im
klassischen Altertume sich die Thünenschen Kreise in ihrer Um-
lagerung um die grossen Städte nachweisen lassen. In der nächsten
Umgebung um Rom blühte vor allem Gemüsebau, Blumenzucht und
Geflügelhaltung. Es war der erste Thünensche Kreis. Dann folgte
eine intensivere Viehhaltung, die für die damalige Zeit dem Kreise
der Fruchtwechselwirtschaft entspricht. Der Kreis des Getreidebaues
war hauptsächlich nach Sizilien verlegt, von wo zu Wasser das Haupt-
nahrungsmittel nach Rom gebracht wurde, während in den entlegeneren
Gegenden Italiens die Weidewirtschaft bestand.
. Die gleichen Verhältnisse lassen sich für das Mittelalter nach-Im Mittelalter.
weisen. In der nächsten Umgebung von Berlin war. und ist noch heute
die freie Wirtschaft gebräuchlich. Dann folgte der Wald. Aus dem
weiteren Kreise fand die Lieferung von Butter und Fettvieh statt. Dieser
erstreckte sich über die Mark bis nach Mecklenburg hinein. Getreide
kam noch aus grössererer Entfernung, das magere Vieh wurde auch
noch im 18, Jahrhundert bis aus Polen herangetrieben. Haben sich
in der neueren Zeit die Verhältnisse auch ausserordentlich verschoben,
SO sind die Grundzüge doch noch jetzt zu beobachten. Um alle
grösseren Städte herum blüht Gemüse- und Gartenbau, sind grössere
Milchwirtschaften, wie Geflügelhaltungen angesiedelt, und in immer
Srösseren Kreisen lagert sich die Fruchtwechselwirtschaft herum,
während die extensive Kultur in fernere Gegenden geschoben ist.
Wir können jetzt die. ganze civilisierte Welt als einen ge-In der Gegen-
Schlossenen Thünen”’schen Staat ansehen. London, oder England über- wart.