Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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Gegen diese Grundregel wird aber in der Praxis sehr häufig 
verstossen und extensive Wirtschaft ohne weiteres als schlechte Wirt- 
schaft angesehen, intensive als eine gute und intelligent geführte, was 
grundfalsch ist. Häufig kann man beobachten, dass. Landwirte aus dem 
Westen, aus Sachsen, Hannover, Mecklenburg in die östlichen Pro- 
vinzen Preussens kommen, dort für die Güter verhältnismässig hohe 
Preise zahlen, in der Meinung, durch den intensiveren Betrieb ihrer 
Heimat auch dort höhere Erträge zu erzielen. Mit der Zeit erfahren 
sie, dass sie damit schlechte Geschäfte machen, d. h. zu teuer wirt- 
schaften, weil dort verhältnissmässig mehr Arbeitskräfte gehalten 
werden müssen, da Ernte und Saat im Herbst viel mehr aneinander 
rücken, die Viehhaltung sich weit weniger bezahlt macht, weil bei der 
dünnen Bevölkerung der Absatz schwieriger, die Preise niedriger sind, 
ausserdem bei dem ungünstigeren Klima mehr Missernten vorkommen, 
und künstlicher Dünger nicht die gleiche Wirkung hat, als im Westen, 
Der unzureichende pekuniäre Erfolg führt sie dann erst auf die 
Thünen’sche Lehre und beweist ihnen ihre Wahrheit. 
8 8. 
Die Thünenschen Kreise in der Wirklichkeit und ihre 
Modifikationen. 
v. d. Goltz, Landwirtschaftliche Taxationslehre. Berlin 1882. 
Ders., Handbuch der landwirtschaftlichen Betriebslehre. Berlin 1886. 
Wiskemann, Die antike Landwirtschaft und das v. Thünen’sche Gesetz, 
Leipzig 1859. 
Die Beobachtung der Wirklichkeit zeigt die Richtigkeit der Im Altertum. 
Thünenschen Aufstellungen. Wiskemann hat gezeigt, dass im 
klassischen Altertume sich die Thünenschen Kreise in ihrer Um- 
lagerung um die grossen Städte nachweisen lassen. In der nächsten 
Umgebung um Rom blühte vor allem Gemüsebau, Blumenzucht und 
Geflügelhaltung. Es war der erste Thünensche Kreis. Dann folgte 
eine intensivere Viehhaltung, die für die damalige Zeit dem Kreise 
der Fruchtwechselwirtschaft entspricht. Der Kreis des Getreidebaues 
war hauptsächlich nach Sizilien verlegt, von wo zu Wasser das Haupt- 
nahrungsmittel nach Rom gebracht wurde, während in den entlegeneren 
Gegenden Italiens die Weidewirtschaft bestand. 
. Die gleichen Verhältnisse lassen sich für das Mittelalter nach-Im Mittelalter. 
weisen. In der nächsten Umgebung von Berlin war. und ist noch heute 
die freie Wirtschaft gebräuchlich. Dann folgte der Wald. Aus dem 
weiteren Kreise fand die Lieferung von Butter und Fettvieh statt. Dieser 
erstreckte sich über die Mark bis nach Mecklenburg hinein. Getreide 
kam noch aus grössererer Entfernung, das magere Vieh wurde auch 
noch im 18, Jahrhundert bis aus Polen herangetrieben. Haben sich 
in der neueren Zeit die Verhältnisse auch ausserordentlich verschoben, 
SO sind die Grundzüge doch noch jetzt zu beobachten. Um alle 
grösseren Städte herum blüht Gemüse- und Gartenbau, sind grössere 
Milchwirtschaften, wie Geflügelhaltungen angesiedelt, und in immer 
Srösseren Kreisen lagert sich die Fruchtwechselwirtschaft herum, 
während die extensive Kultur in fernere Gegenden geschoben ist. 
Wir können jetzt die. ganze civilisierte Welt als einen ge-In der Gegen- 
Schlossenen Thünen”’schen Staat ansehen. London, oder England über- wart.
	        
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