Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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nicht mehr ernährt werden, und die Bevölkerung ging in den folgenden 
Dezennien um mehr als 21!/, Mill. zurück, wodurch sich erst wieder 
normale Verhältnisse entwickeln konnten, indem jedem Pächter eine 
grössere Fläche zur Verfügung gestellt wurde, Derselbe Vorgang zeigte 
sich Anfang der fünfziger Jahre in ausgedehnten Gegenden des west- 
lichen Süddeutschlands, in Baden, Württemberg, Hessen, wo gleich- 
falls in reinen Agrardistrikten die Bodenzersplitterung derartig vorge- 
schritten war, dass nach mehrjährigen Missernten sich unhaltbare Zustände 
entwickelten, denen die Regierung nur durch Evacuierung des Landes 
abhelfen konnte, indem sie mit Staatsmitteln die Auswanderung unter- 
stützte und organisierte, und durch Ankauf der Ländereien und Neu- 
verteilung des Landes eine Gesundung ‘der Verhältnisse herbeiführte, 
In den angeführten Fällen war die Kalamität herbeigeführt durch eine 
zu grosse Menschenzahl, die unter den vorliegenden Verhältnissen sich 
nicht angemessen zu ernähren vermochte. 
Der Zustand des Volksmangels wird nun ohne Weiteres anzunehmen 
sein, wo überhaupt auf den Quadratkilometer nur einzelne Familien 
angesiedelt sind, also bei einer gewissen absolut geringen Zahl der 
Volksdichtigkeit. Sobald es sich um eine etwas höhere Kulturstufe 
handelt, wird die absolute Zahl sich wesentlich erhöhen, denn eine ge- 
wisse Menschenzahl ist in kondensierterem Zusammenwohnen erforder- 
lich, um überhaupt Kulturbestrebungen verfolgen zu können. Sie ist 
die Voraussetzung, um Arbeitsvereinigung und Arbeitsteilung durchzu- 
führen, wodurch allein höhere Leistungen zu ermöglichen sind. Es gehört 
schon eine grössere Menschenzahl dazu, um gemeinsam gute Wege her- 
zustellen und damit den Verkehr zu erleichtern. Entwässerungen und 
Bewässerungen in .umfassenderem Masse sind nur durch eine grössere 
Zahl von Arbeitskräften zu bewältigen. Ein wirtschaftlicher Aufschwung 
ist deshalb unmöglich, so lange die Bevölkerung zu dünn gesäet ist. 
Noch weniger ist ein geistiger Austausch, Gründung ausreichender 
Schulen ete, möglich, um geistiges Leben zu verbreiten. Man wird 
deshalb unter solchen Verhältnissen von Volksmangel sprechen können. 
Dagegen ist der Zustand der Uebervölkerung absolut nach den vor- 
liegenden Erfahrungen erst dann vorhanden, wenn eine physische Behin- 
lerung durch die gedrängt zusammenwohnende Menge entsteht und da- 
durch ein wirtschaftliches Wirken erschwert und der Eıfolg reduziert wird 
Abgesehen von jenen extremen Grenzen werden die Begriffe des Relativität des 
Volksmangels und der Uebervölkerung nur relativ aufzufassen sein. Begriffes 
Je nach den natürlichen Bedingungen, je nach der geistigen Kultur- 
stufe und der volkswirtschaftlichen Entwicklung wird eine sehr ver- 
schiedene Menschenzahl auf der gleichen Fläche angemessene Beschäfti- 
gung, Verdienst und Unterhalt zu gewinnen vermögen, und es wird auf 
der anderen Seite eine verschiedene Volksdichtigkeit erforderlich sein, 
um die vorhandenen Grundlagen ausreichend zu verwerten. Solange 
die Indianer cin reines Jägervolk waren, brauchten sie sehr ausgedehnte 
Territorien, um nur einen Stamm von wenigen Familien zu unterhalten. 
Sie führten deshalb die blutigsten Vertilgungskriege gegen die Nachbar- 
stämme, um sich- ihre Jagdgründe nicht beschränken zu lassen, sondern 
sie im Gegenteile noch auszudehnen. Sobald sie dagegen zum Ackerbau 
übergingen, konnten sie sich mit einer weit kleineren Fläche begnügen 
and sich darauf viel vzleichmässigyver und reichlieher ernähren Noch
	        
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