Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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zegenüber Frau und Kindern mildert den Egoismus, zieht unwillkürlich 
lie Gedanken von der eigenen Person ab und regt die edleren Saiten 
'n dem Menschen an. Auch der charakterschwache wird dadurch 
mehr in den geordneten Bahnen gehalten, die Verehelichten lie- 
fern verhältnismässig weniger Verbrecher als die Unverheirateten. 
Das Gefühl der Verantwortlichkeit wird ganz anders entwickelt und 
ler Fleiss findet eine fortdauernde Anregung. Der Familienvater 
wird unwillkürlich zur Vorsorge für die Zukunft und zum Sparen 
veranlasst. Von ganz besonderer Wirkung ist die Liebe zu den 
Kindern, durch welche die Neigung zur Rohheit und Extravaganz ge- 
mildert zu werden pflegt, Es wird dem Menschen ein neuer Lebens- 
inhalt und eine höhere idealere Lebensaufgabe gestellt, welche ihn 
anwillkürlich mit Gemeinwesen und Staat in ein näheres, vielseitigeres 
Verhältnis bringt, wodurch der Segen des Kulturstaates zur klareren 
Erkenntnis gelangt und der Patriotismus geweckt wird. 
Geht so bei einer verspäteten Eheschliessung der fördernde und 
veredelnde Einfluss derselben zu sehr verloren, so veranlasst das er- 
zwungene Cölibat leicht Ausschweifungen und Demoeralisation. 
Besondere Beachtung verdienen all die Eigentümlichkeiten einer 
verfeinerten Cultur, welche eine körperliche Degeneration zu fördern 
imstande sind. 
Das Zusammendrängen grosser Menschenmassen in den Städten 
hat in der neueren Zeit wesentlich zur Beeinträchtigung der Gesundheit 
der Bevölkerung beigetragen. Die ausserordentliche Preiserhöhung des 
Grund und Bodens und damit der Miete in den Städten führte zu 
einer bedenklichen Verschlechterung der Wohnungsverhältnisse, und 
die Entwicklung der Industrie sowohl in Fabriken wie in Werkstätten 
und bei der Heimarbeit nötigte. unter Ausbildung der Arbeitsteilung zu 
ainer Art der Beschäftigung, die der Gesundheit und damit der Ent- 
wicklung des Körpers mehr oder weniger nachteilig ist, so dass die 
körperliche Tüchtigkeit der Städter erheblich hinter der der Land- 
bevölkerung zurücksteht, wie durch die Rekrutierung statistisch fest- 
zestellt ist und leicht beobachtet werden kann. 
Ganz besonders trägt unser Schulwesen in bedenklicher Weise 
zur Verkümmerung des Körpers bei, indem durch sitzende Lebensweise 
'n schlechter Luft und übermässige geistige Anstrengung die Ausbildung 
des Geistes auf Kosten des Körpers geschieht, worunter Knäben und 
Mädchen leiden. (S. Grundriss I $ 14). 
Hierzu treten noch zwei weitere Momente, die unsere Zeit mit 
sich gebracht hat. Wie schon dargelegt, ist auf höherer Kulturstufe 
der Kampf um das Dasein auf das geistige Gebiet verlegt. Damit 
hängt zusammen, dass auch die natürliche Zuchtwahl, von der Darwin 
bei den "Tieren spricht, einen anderen Charakter angenommen hat. Bei 
den Naturvölkern werden verkrüppelte und schwächliche Kinder dem 
Tode überliefert. Das ganze Leben erfordert beständig intensive 
körperliche Anstrengungen, denen diejenigen unterliegen, die nicht die nötige 
körperliche Tüchtigkeit besitzen. Nur die kräftigeren Naturen erreichen 
ein höheres Alter und pflanzen ihre Eigenschaften fort, Auch bei weiterer 
Entwicklung, wo noch die physische Kraft für die wirtschaftliche 
Leistung entscheidend ist, gelangen nur die körperlich Starken zu an- 
yemessener Lebensstellung und einem eigenen Herde... All das hat 
Gefahren 
görperlicher 
Jegeneration.
	        
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