Full text : Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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nit 50 Millionen Franes unterstützt werden. In Oesterreich erhalten
1,2% der Bevölkerung 6 Millionen Gulden, 0,27 Gulden pro Kopf
der Bevölkerung. Im Britischen Reiche werden an 998000 Arme
7,1 Millionen Pfd. St. (8 Mk. pro Kopf) verteilt.
Trotz ihrer Ungenauigkeit kann man aus dieser Statistik entnehmen,
lass die Zahl der Armen eine ausserordentlich grosse ist und als eine
Kalamität angesehen werden muss, gegen welche mit aller Kraft anzukämpfen
 ist. Dies ergiebt sich sowohl, wenn man die Armenverhältnisse
vom christlich philanthropischen Standpunkt, wie von dem des Staatsmannes
 und Volkwirtes betrachtet. Alle modernen Religionen verpflichten
len Menschen aus Nächstenliebe dem in Not Befindlichen zu helfen, gleichviel
 ob der Betreffende verschuldet oder unverschuldet in diesen Zustand
 geraten ist. Der Staats- und ‚Volkswirt muss in jedem Armen
eine Gefahr für die Gesamtheit erblicken. Die Not stumpft erfahrungsyemäss
 das Ehrgefühl ab. Es gehört besondere Charakterfestigkeit
dazu, um sich trotz Not und Versuchung aller Art in den richtigen
Bahnen des Gesetzes zu halten. Es ist daher die allgemeine Beobachung,
 dass bei Zunahme der Not auch die Zahl der Verbrechen steigt
and zwar sowohl derjenigen gegen das Eigentum wie gegen die Person
ınd die Sittlichkeit. Bei günstigen wirtschaftlichen Konjunkturen nehmen
dagegen die Verbrechen wieder von selbst ab, und in jenen Gegenden
wo die Armut am grössten ist, findet man auch die höchste Kriminalität
gegenüber den Gegenden in besserer materieller Lage, wo die Verorecherstatistik
 weit geringere Zahlen aufzuweisen hat.
‚Die Aufgaben von Staat und Gesellschaft gehen deshalb in erster
Linie dahin, vorbeugend zu wirken, um die Armut zu verhindern, wo-:auf
 vor allem die ganze Volkswirtschaftspolitik hinarbeitet. Da aber
arfahrungsgemäss die Verarmung nicht zu vermeiden ist, so hat die
Staatsgewalt wie die Gesellschaft bei eingetretener Hilfsbedürftigkeit
helfend einzugreifen, und dies geschieht durch die organisierte
Armenpflege.

3 94.
Die Ursachen der Armut.

Bevor wir aber zur Untersuchung der Massregeln kommen, die
'n der Armenpflege zu ergreifen sind, ist es nötig näher zu untersuchen,
welches denn die Ursachen der Armut überhaupt sind. Dieselben sind
naturgemäss teils innere in dem Menschen selbst liegende, wodurch
lie Armut verschuldet wird, teils äussere in den allgemeinen Verhältnissen.
 liegende, welche die unverschuldete Armut herbeiführen.
Da ausserordentlich häufig, ja meistens beide zusammenwirken, so ist
38 ungemein schwer, sie in dem einzelnen Falle genügend zu scheiden
and in der Behandlung des Bedürftigen zu berücksichtigen, während
naturgemäss der unschuldig Leidende mit ganz anderer Nachsicht zu
behandeln ist als der Schuldige.
Drei Triebe im Menschen sind als die hauptsächlichsten Ursachen
der Armut anzusehen: 1) Trägheit und Sorglosigkeit; 2) Genusssucht ;
3) der Reproduktionstrieb,
In einem jeden Menschen liegt die Trägheit als eine natürliche
Eigenschaft, die bei den. meisten nur durch die Not überwunden wird;

Innere
"Irsachen.
            
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