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eine weit kleinere Zahl arbeitet aus Pflichtgefühl, noch weniger sind
aus Freude an der Arbeit selbst thätig. Je tiefer die Kulturstufe
eines Volkes oder einer Menschenklasse ist, um so grösser ist auch
die Zahl derer, die nicht mehr arbeiten als zur Erlangung des Unter-
halts unumgänglich notwendig ist. Um so grösser ist auch die Zahl
derer, die fortdauernd in Gefahr leben, in Elend zu geraten, und um
so mehr wird eine Erhöhung des Verdienstes zunächst zur Vermehrung
der Trägheit führen. Nur durch Erweiterung der Bildung, durch
Erhöhung der Lebensansprüche, ganz besonders aber durch die An-
erziehung der Anschauung, dass die Ueberwindung der Trägheit eine
Lebenspflicht ist, dass der Mensch nur durch Arbeit nachhaltige Be-
friedigung zu gewinnen vermag, wird diese Armutsursache zurückge-
drängt werden. Nur wenn der Mensch von klein auf daran gewöhnt ist,
in der Arbeit seine Lebensaufgabe zu sehen, und wenn nur der Mensch
eine geachtete Stellung im Leben einnimmt, der sich für die Gesamtheit
als nützliches Glied erweist, kann die Gefahr der Verarmung ver-
mindert werden. 5
Hiermit hängt auf das Engste die stumpfe Sorglosigkeit in Betreff
der Zukunft zusammen, die gleichfalls ein Zeichen tiefer Kulturstufe
ist. Alle primitiven Völker leben nur dem Momente und unbekümmert
ım die Zukunft. Sie verprassen, was sie im Momente gewinnen, auch
wenn die Gefahr späterer Not sehr nahe liegt. So lange unter unseren
Verhältnissen die Arbeiterbeyölkerung nur einen Lohn erhält, der
gerade ausreicht, um das tägliche Leben zu fristen, gewöhnt sie sich
daran, das Verdiente auch dann zu verbrauchen, wenn es einmal über
das Notwendige hinaus geht. Erst wenn der Verdienst einen reichlicheren
Spielraum gewährt, gewöhnt sich die Bevölkerung an das Sparen,
während sie sich bis dahin auf die Armenkasse verliess; und. wiederum
gehört höhere sittliche Kraft und edlere Denkweise dazu, nicht nur an
die eigene, sondern auch an die Zukunft der Familie zu denken und sie
durch langjährige Entbehrungen vor späterer Not zu schützen. Träg-
heit und Sorglosigkeit lassen auch den Trieb nicht aufkommen, die
eigenen Kräfte auszubilden und sich eine höhere Leistungsfähigkeit
anzueignen, wodurch die beste Grundlage für eine gesicherte Existenz
geschaffen werden kann.
Ganz besonders ist es die Genusssucht, die den sorglosen
Verbrauch des Erworbenen im Momente veranlasst, ohne die Zukunft
zu berücksichtigen, und in der wunwirtschaftlichen Verwendung des
Verdienstes liegt gerade in unserer Zeit in den meisten Fällen die
Ursache von Not und Elend. Die grösste Rolle spielt hierbei be-
kanntlich der Alkoholismus und in erweitertem Sinne das Kneipenleben,
wodurch ein übergrosser Teil der Einnahmen gerade der Arbeiterklasse
dem Unterhalt der Familie und der Vorsorge für die Zukunft ent-
zogen wird, und was dabei zur Schädigung der Gesundheit beiträgt und
zur Verrohung führt. Die Arbeitskraft leidet ebenso dabei wie der
sittliche Halt.
Die zu frühe Verehelichung, wie die zu grosse Kinderzahl
bilden in unserer Zeit sehr allgemein die Ursache der Unzulänglichkeit des
Verdienstes auch bei sonst normalen Verhältnissen. Selbst ein fleissiger,
solider Arbeiter ist nicht imstande seine Frau und 6—7 kleine Kinder
oder noch mehr aus seinem Verdienste zu unterhalten.