Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

. 506 — 
eine weit kleinere Zahl arbeitet aus Pflichtgefühl, noch weniger sind 
aus Freude an der Arbeit selbst thätig. Je tiefer die Kulturstufe 
eines Volkes oder einer Menschenklasse ist, um so grösser ist auch 
die Zahl derer, die nicht mehr arbeiten als zur Erlangung des Unter- 
halts unumgänglich notwendig ist. Um so grösser ist auch die Zahl 
derer, die fortdauernd in Gefahr leben, in Elend zu geraten, und um 
so mehr wird eine Erhöhung des Verdienstes zunächst zur Vermehrung 
der Trägheit führen. Nur durch Erweiterung der Bildung, durch 
Erhöhung der Lebensansprüche, ganz besonders aber durch die An- 
erziehung der Anschauung, dass die Ueberwindung der Trägheit eine 
Lebenspflicht ist, dass der Mensch nur durch Arbeit nachhaltige Be- 
friedigung zu gewinnen vermag, wird diese Armutsursache zurückge- 
drängt werden. Nur wenn der Mensch von klein auf daran gewöhnt ist, 
in der Arbeit seine Lebensaufgabe zu sehen, und wenn nur der Mensch 
eine geachtete Stellung im Leben einnimmt, der sich für die Gesamtheit 
als nützliches Glied erweist, kann die Gefahr der Verarmung ver- 
mindert werden. 5 
Hiermit hängt auf das Engste die stumpfe Sorglosigkeit in Betreff 
der Zukunft zusammen, die gleichfalls ein Zeichen tiefer Kulturstufe 
ist. Alle primitiven Völker leben nur dem Momente und unbekümmert 
ım die Zukunft. Sie verprassen, was sie im Momente gewinnen, auch 
wenn die Gefahr späterer Not sehr nahe liegt. So lange unter unseren 
Verhältnissen die Arbeiterbeyölkerung nur einen Lohn erhält, der 
gerade ausreicht, um das tägliche Leben zu fristen, gewöhnt sie sich 
daran, das Verdiente auch dann zu verbrauchen, wenn es einmal über 
das Notwendige hinaus geht. Erst wenn der Verdienst einen reichlicheren 
Spielraum gewährt, gewöhnt sich die Bevölkerung an das Sparen, 
während sie sich bis dahin auf die Armenkasse verliess; und. wiederum 
gehört höhere sittliche Kraft und edlere Denkweise dazu, nicht nur an 
die eigene, sondern auch an die Zukunft der Familie zu denken und sie 
durch langjährige Entbehrungen vor späterer Not zu schützen. Träg- 
heit und Sorglosigkeit lassen auch den Trieb nicht aufkommen, die 
eigenen Kräfte auszubilden und sich eine höhere Leistungsfähigkeit 
anzueignen, wodurch die beste Grundlage für eine gesicherte Existenz 
geschaffen werden kann. 
Ganz besonders ist es die Genusssucht, die den sorglosen 
Verbrauch des Erworbenen im Momente veranlasst, ohne die Zukunft 
zu berücksichtigen, und in der wunwirtschaftlichen Verwendung des 
Verdienstes liegt gerade in unserer Zeit in den meisten Fällen die 
Ursache von Not und Elend. Die grösste Rolle spielt hierbei be- 
kanntlich der Alkoholismus und in erweitertem Sinne das Kneipenleben, 
wodurch ein übergrosser Teil der Einnahmen gerade der Arbeiterklasse 
dem Unterhalt der Familie und der Vorsorge für die Zukunft ent- 
zogen wird, und was dabei zur Schädigung der Gesundheit beiträgt und 
zur Verrohung führt. Die Arbeitskraft leidet ebenso dabei wie der 
sittliche Halt. 
Die zu frühe Verehelichung, wie die zu grosse Kinderzahl 
bilden in unserer Zeit sehr allgemein die Ursache der Unzulänglichkeit des 
Verdienstes auch bei sonst normalen Verhältnissen. Selbst ein fleissiger, 
solider Arbeiter ist nicht imstande seine Frau und 6—7 kleine Kinder 
oder noch mehr aus seinem Verdienste zu unterhalten.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.