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des Charakters, des Verstandes und des Herzens. Durch schlechte
der auch nur unzulängliche Leitung wird dort aber mehr Unheil an-
gerichtet, als in der offenen Armenpflege.
7. Eine allgemeinere oder auch nur vorwiegende Unterbringung
der Armen in Anstalten hat sich stets als undurchführbar erwiesen,
Die Zahl der Bedürftigen ist ausserordentlichen Schwankungen unter-
worfen, sie ist schon in den verschiedenen Jahreszeiten sehr ungleich,
noch mehr nach den wirtschaftlichen Konjunkturen, so dass bald alle
Anstalten überfüllt sein würden, auch wenn dieselben in sehr grosser
Zahl hergestellt werden, während sie zu anderen Zeiten zum grossen
Teile leer stehen würden.
Aus dem Gesagten geht hervor, dass beide Arten der Armen-
pflege sich gegenseitig zu ergänzen haben. Die geschlossene Armen-
pflege empfiehlt sich für alle diejenigen, welche einer besonderen Er-
ziehung und Aufsicht bedürfen, wie für verwahrloste Kinder, ‘Arbeits-
scheue und Trunksüchtige, ausserdem für viele Kranke. Normale In-
Jividuen dagegen, die nur durch unglückliche Verhältnisse in die
traurige Lage gekommen sind, werden im allgemeinen besser in offener
Armenpflege versoret.
Findelhäuser.
$ 103,
Die einzelnen Anstalten der geschlossenen Armenpflege.
/. Wellaue u. 7. Müller, Die schweizerischen Armenerziehungsanstalten. 1870.
A. Die Kinderfürsorge.
Hügel, Die Findelhäuser und das Findelwesen Europas. 1863.
/. Conrad, Jahrbücher f. Nationalökonomie. Jahrgang XII. Seite 241. Die
Findelanstalten.
l. Die Findelhäuser. Man nennt so Anstalten, die ausgesetzte
Kinder aufnehmen und versorgen. Sie wurden im Mittelalter von der
Kirche eingerichtet, um die Kinder, welche die Eltern nicht erhalten
<onnten und nach alter Sitte auszusetzen geneigt waren, aufzunehmen
ınd am Leben zu erhalten. Die grösste Ausbildung haben sie in Italien
erfahren, wo schon im 12, Jahrhundert eine Drehlade damit verbunden
‚vurde, auf welche Kinder unbemerkt von der Strasse geschoben
werden konnten. Es sind Cylinder, die beschwert sich um ihre Achse
Irehen und eine Klingel in Bewegung setzen, um die wartende Amme
zur Aufnahme herbeizurufen. Bis in die sechziger Jahre des 19. Jahr-
aunderts hat die Einrichtung in Italien eine solche Verbreitung gefun-
den, dass im ganzen Reiche 1866 1179 solcher Drehladen bestanden,
Jenen alljährlich über 30000 Kinder übergeben wurden. In der neueren
Zeit hat sich die Zahl der Drehladen erheblich vermindert, Nächst
Italien hat die Einrichtung in Frankreich eine hohe Verbreitung
zewonnen, begünstigt durch Napoleon I. Noch Anfang der sechziger
Jahre existierten 175 Findelhäuser, in welehe im Jahre 1861 über
12000 Kinder eingeliefert wurden. Seit 1830 hat man aber die Dreh-
‚aden fortdauernd vermindert und die Findelhäuser allmählich ihrer
früheren Eigentümlichkeit entkleidet, Man ist bestrebt, die Verbindung
der Kinder mit den Eltern möglichst aufrecht zu erhalten, und will
aur die offene Einlieferung zulassen. In Deutschland haben sich