Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

A) 
Weise forciert war, in um so grösserem Missverhältnis musste der Grund- 
wert zum Ertrage stehen und um so mehr war die Erwerbung von 
Grund und Boden aussschliesslich den reichen Leuten vorbehalten, 
welche auf eine angemessene Verzinsung des Anlagekapitals verzichten 
konnten. 
Der Auf dem europäischen Kontinente lagen die Verhältnisse völlig 
“ropäische anders, daher ist hier in den letzten beiden Jahrhunderten eine fort. 
Kontinent, sohreitende Latifundienbildumg nicht zu beobachten, sondern eher, 
namentlich in der letzten Zeit die entgegengesetzte Entwicklung, wo 
nicht durch künstliche Massregeln der natürliche Lauf gehemmt wurde, 
Die Ursache dieser Erscheinung ist auf folgende Momente zurück. 
zuführen. 
Vor allem hat die Kreditwirtschaft mit der gesteigerten Kapitals- 
bildung überall reichliche Gelegenheit geboten, Ersparnisse auch in 
anderer Weise als in Grund und Boden anzulegen; während in alter 
Zeit eine solche Gelegenheit fehlte und der reiche Mann genötigt war, 
mit seinen Ueberschüssen Land zu kaufen. Dazu kommt in der 
neueren Zeit, dass die Anlage in Handel und Industrie weit grössere 
Erträge verspricht, als die in der Landwirtschaft. Und auch die Sicher- 
heit, die früher dem landwirtschaftlichen Betriebe eigen war, ist in der 
neuerdings mehr und mehr verloren gegangen. Namentlich wer die 
Bewirtschaftung nicht selbst durchführen kann, hat mit wachsenden 
Schwierigkeiten in der Landwirtschaft zu kämpfen, und die Anlage 
der Kapitalien in Gütern, abgesehen von Forsten, ist jetzt ebenso 
unsicher, wie die in industriellen Unternehmungen und die Verzinsung 
im Ganzen niedriger, Grössere Güter büssen mehr und mehr an Er- 
tragsfähigkeit ein, und die Verwertung kleiner Grundstücke durch Ver. 
pachtung hat seine grossen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten, 
Wer sich mit mässigem Zins begnügen will, erlangt dagegen bei völliger 
Sicherheit und Disponibilität in Staats- und Kommunalpapieren, Eisen- 
vbahnprioritäten ete, Gelegenheit zur mannigfaltigsten Anlage seiner 
Kapitalien. 
Dazu kommt, dass politische Vorrechte mit dem Grundbesitze 
nicht mehr verbunden sind, und auch sonstige Annehmlichkeiten mehr 
and mehr in Fortfall kommen. Die Leichtigkeit, ein südliches Klima 
aufzusuchen, lässt auch die Annehmlichkeit eines ländlichen Wohn- 
sitzes nicht mehr im alten Lichte erscheinen, weshalb immer weniger 
die grossen Kapitalisten Ankauf von Gütern suchen, wenn dieses Be- 
streben auch nicht völlig geschwunden ist, und namentlich Zukauf zu 
Waldbesitz noch fortdauernd vorkommt. 
Nach allem ist der Anreiz zur Anlage der Kapitalien gerade 
in Grund und Boden und zur Latifundienbildung heutigen Tages weit 
geringer als in früheren Zeiten. Sie kommt daher nur vereinzelt vor, 
und nur wo sie in besonderer Weise begünstigt wird. 
Latifundien- Die Latifundienbildung findet aber nicht nur durch die Ver- 
wirtschaften. einigung von viel Grund und Boden in einer Hand im Besitze statt, 
sondern auch in der Wirtschaftsform. Sie war es besonders, welche 
im alten Rom so überaus schädlich wirkte, indem an die Stelle der 
Bauernwirtschaften Grossbetriebe mit Herden von Sklaven getreten 
waren, welche eine ganz andere Bevölkerung im Lande verbreiteten, 
namentlich eine starke Verminderung der Bevölkerung im Lande be-
	        
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