Full text: Nationalökonomie (1.1915)

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Staatsleben auf eine völlig neue Basis stellen, ohne an die bisherigen 
Zustände anzuknüpfen. Sie zeigte. sich daher noch mehr unhistorisch 
als die Smithsche Schule. Auch dem gegenüber war es nötig, auf 
die Geschichte hinzuweisen, deren Studium allein zunächst eine Ge- 
sundung in den Anschauungen herbeiführen konnte. 
Die alte Schule glaubte allgemein gültige wirtschaftliche Natur- 
gesetze gefunden zu haben. Die Beobachtung ergab, daß jene sog. 
Gesetze nur Regeln waren mit Geltung für eine bestimmte Zeit 
und einen bestimmten Boden, Der ältere Sozialismus trug wesent- 
lich dazu bei, jene Auffassung zu erschüttern, und setzte klar aus- 
einander, daß viele der als gesetzlich angenommenen Vorgänge nur 
einer bestimmten Klassenherrschaft entsprängen und daher wohl be- 
seitigt werden könnten. Er ging darin aber wiederum zu weit, als 
willkürlich anzusehen und die Beseitigung zu verlangen, wo es sich 
um Institutionen handelte, die einmal der menschlichen Natur analog 
sind und dann, wie sich aus der Geschichte erweisen läßt, als Grund- 
lage unserer gesamten Kultur akzeptiert werden müssen, wie das 
Privateigentum und die individuelle Freiheit. Infolgedessen erwies 
9s sich als notwendig, die Natur des Menschen selbst näher zu stu- 
dieren, die psychologischen Momente genauer zu berücksichtigen. Das 
ist nun in der neueren Zeit sowohl von der Wiener wie von der Berliner 
Schule anerkannt, und die Arbeiten speziell von Schmoller zeigen, 
welch gründliches Studium er gerade der Philosophie zugewendet hat. 
Sein bedeutendstes Werk, der „Grundriß“, behandelt in dem ersten 
Teil die Grundlagen der Volkswirtschaft und wird durch die Ver- 
tefung der Untersuchung und gerade die philosophisch-historische 
Durchführung, sowie die besonders von Bücher erfolgreich be- 
zonnene Heranziehung ethnologischer und anthropologischer KFor- 
schungen, als ein bedeutsamer Fortschritt unserer Wissenschaft zu 
bezeichnen sein. Schmoller tritt hauptsächlich in die Fußtapfen 
von Knies, geht aber weit über ihn hinaus. Wir sehen seinen 
Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, namentlich den 
zweiten Teil, für das reichhaltigste, unsere Wissenschaft am meisten 
fördernde Werk an, welches auf nationalökonomischem Gebiete seit 
Dezennien erschienen ist, und sind ihm großen Dank schuldig, Wir 
haben uns aber nicht überzeugen können, daß es sich um einen 
Neubau unserer Wissenschaft auf neuem Fundament handelt, wie 
Schmoller ihn früher als notwendig hinstellte. Das reiche histo- 
rische Material hat vielfach das Verständnis für einzelne Fragen zu 
klären vermocht, die Entwicklung der Vorgänge wird besser über- 
sehen, die Grundanschauungen sind aber nirgends geändert. Die 
Modifikationen im Aufbau der ganzen Darstellung sind vielfach als 
sine Besserung anzuerkennen, doch sind sie ohne prinzipielle 
Bedeutung. Dabei vermissen wir aber die entsprechende Vertiefung 
in der Behandlung der Begriffsdefinitionen, wie sie für den 
aotwendig. ist, der einen „Grundriß“ benutzt. Hier ist eine Ergänzung 
von. anderer Seite sicher wünschenswert. 
Durch die neuere vermittelnde Richtung ist zu allgemeiner An- 
erkennung gebracht, daß es die Aufgabe unserer Wissenschaft nicht 
ist, allgemeine Naturgesetze in dem Wirtschaftsleben zu ermitteln. 
Denn dasselbe ist viel zu kompliziert, überall wirken eine so große 
Zahl von Faktoren zusammen, daß die Isolierung nur ganz vereinzelt 
möglich ist. Auf der anderen Seite ist die Grundlage desselben, der 
Jonrad, Grundriß der polit. Oekonamie. I. Teil. 8. Aufl. a 
Auffassung deı 
wirtschaft- 
lichen Natur- 
gesetze.
	        
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