Die Sitte, ihre Entstehung, ihr Wesen.
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schwierigen Entscheidung nicht jäͤhig wäre. Indem die Regel, welche Sitte und Recht,
königliche oder priesterliche Macht aufgestellt hat, sagt, das sollst du thun und jenes lassen,
greift in das unfertige Werden und Drängen der Triebe, in den Kampf der Leiden—
schaften und Instinkte doch überhaupt eine ordnende sittliche Gewalt ein; die Gewöhnung,
ihr sich zu beugen, ist an sich eines der wesentlichsten Mittel der Erziehung.
Das Entstehen dieser Regeln, welche alles gesellschaftliche, auch alles wirtschaftliche
Leben beherrschen, welche in der Art ihrer formalen Gestaltung zugleich wesentlich die
Epochen dieses Lebens bestimmen, haben wir nun darzustellen. Wir haben zu zeigen,
wie sie in der ältesten Zeit als einheitliche Sitte entstehen und später sich spalten in
Recht, Sitte und Moral, welche Folgen diese Spaltung hat.
25. Die Entstehung und Bedeutung der Sitte. „Es giebt“, sagt Lubbock,
„keinen größeren Irrtum, als den Wilden den Vorzug einer größeren persönlichen Freiheit
zuzuschreiben; jede ihrer Lebensäußerungen wird durch zahllose Regeln beschränkt, die
freilich ungeschrieben, aber darum nicht minder bedeutend sind.“ Lange ehe es einen
eigentlichen Staat, ein Gerichtsverfahren, ein ausgebildetes Recht giebt, beherrschen feste
Normen, welche vielfach in rhythmischer Rede überliefert, durch Ceremonien und Symbole
aller Art in ihrer Ausübung gesichert sind, alles äußere Leben der primitiven Stämme.
Es handelt sich um die Sitte und die Gewohnheiten, die aus den geistigen Kollektivkräften
hervorgehen. Alles bei einer Gesamtheit von Menschen Geübte, Gewohnte, Gebräuchliche,
das nicht als eine Außerung der Naturtriebe sich darstellt, und andererseits von der
Willkür der einzelnen unabhängig als gut und schicklich, als angemefsen, als würdig
angenommen wird, sagt Lazarus, bezeichnen wir als Sitte. Die Gewohnheit, sagt
Marheineke, ist eine zweite durch den Geist gesetzte Natur. Die gemeinsame Gewohnheit
mehrerer, die als Verpflichtung gefühlt wird, die übertreten, verletzt werden kann, wird
zur Sitte.
Die Gewohnheit entsteht mit und durch die Gesellschaft; aber sie zeigt sich auch
schon im Leben des einzelnen, muß schon hier sich bilden. Sie ergiebt sich aus der
Wiederkehr des Gleichen im menschlichen Leben. Ohne Wiederkehr eines Gleichen gäbe
es keine Erinnerung, keine Erkenntnis, kein Vergleichen und Unterscheiden. Der Kreislauf
des tierischen Daseins, Wachen und Schlafen, periodisches Essen, Arbeit und Erholung,
dann der Kreislauf der Natur, Sommer und Winter, der Auf- und Niedergang von
Sonne, Mond und Sternen prägen allem menschlichen Leben den Stempel ewiger Wieder—
holung des Gleichen auf. Das Kind schon, das täglich zu gleicher Zeit seine Milch
erhält, verlangt stürmisch die Einhaltung der Regel, wie die gemeinsamen Mahlzeiten
den Ausgangspunkt für eine regelmäßige Zeiteinteilung des Tages bildeten. Auch die
höheren Tiere haben ihre Instinkte unter demselben Drucke der sich gleichmäßig wieder—
holenden Bedürfnisse zu festen Gewohnheiten ausgebildet, wie die Bienen im Bienenstaat.
Bei dem Menschen kommt hinzu, daß es sein Denkgesetz und seinen Ordnungssinn
befriedigt, wenn im gleichen Falle gleich gehandelt wird. Aus dem Wirrwarr der Reize
und Triebe, der Einfälle und Leidenschaften entwickelt so stets Erfahrung und Erinnerung
gewohnheitsmäßiges gleiches Handeln.
Es wird zur Sitte durch die gemeinsamen Vorstellungen und Gefühle mehrerer,
durch die gemeinsamen sittlichen Urteile und Erinnerungen; aus gleicher Lage entspringen
gleiche Willensanläufe und Handlungen, gleiche Ceremonien, gleiche Formen des Handelns.
Das sittliche Urteil sagt, diese bestimmte Form sei die zu billigende. Es entsteht daraus
das Gefühl der Verpflichtung, das sofort durch Mißachtung der Genossen, Strafe, religiöse
Furcht verstärkt wird. Die Formen des religiösen Kultus waren überall die wichtiaste
Veranlassung zur Entstehung fester Sitten überhaupt.
Jede Sitte giebt irgend einer sich wiederholenden Handlung ein bestimmtes, stets
wieder erkennbares Gepräge. Von den einfachen Bewegungen des Körpers bis zu den
verwickeltsten Lebenseinrichtungen sucht der Mensch an die Stelle des natürlichen Ablaufes
der Ereignisse eine ceremoniöse Ordnung zu setzen, mit dem Anspruch, daß nur das so
Gethane richtig geschehen sei. Alle menschlichen Handlungen werden so gestempelt, in
konventionelle Form umgeprägt. Sie erhalten zu ihrem natürlichen materiellen Inhalt
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. JI. 4. —26. Aufl