51) Die Gründe gegen die internationale Doppelwährung. 93
gleiche Währung in allen Staaten und Ländern haben zu wollen, ist ein kindlicher, un—
durchführbarer Wunsch; man könnte ebenso gut wünschen, daß alle die gleiche Arbeits—
ceilung, die gleiche Technik, die gleiche Sprache und Regierung hätten.
Gewiß berührt heute das Geldwesen jedes Landes alle die Staaten, die mit ihm
in Verkehr stehen, aufs tiefste. Und deshalb werden in Zukunft die internationalen
Münzkongresse sowie Münz- und Währungsverträge nicht aufhören, sondern eine immer
größere Bedeutung erhalten. Aber fie werden nicht plötzlich die ganze Welt und ihr
Geld unifizieren können. Es bleiben ihnen große und dringliche Aufgaben genug. Die
nächsten Ziele werden sein 1. in den Goldwährungsländern eine gleiche Behandlung
der Silbermünze herbeizuführen, 2. auf eine möglichste Beseitigung der Papierwährung
in allen Staaten hinzuwirken, 83. dafür zu sorgen, daß der Kreis der Goldwährungs—
änder nicht übergroß ausgedehnt werde, 4. den täglichen Schwankungen des Gold⸗
vertes der verschiedenen Laäͤnder und Valuten in der Art entgegenzuwirken, daß sie
möglichst verschwinden, daß die Wertdifferenz stabilisiert werde. Vielleicht ist es auch
möglich, dafür zu sorgen, daß möglichst alle Staaten eine Goldreserve zur Ausgleichung
der internationalen Zahlungen erhalten, und daß diese Ausgleichung durch ein großes
internationales Institut ersolge. Durch derartige Maßnahmen werden die heutigen
Schattenseiten der Verschiedenheit der Währungen gemildert, das Geldwesen der ver—
schiedenen Staaten wird einander genähert, der internationale Zahlungsverkehr wird
erleichtert, ohne daß man durch gewagte Experimente die nationale Selbständigkeit des
I aufhöbe, wozu die heutigen Anfänge einer Weltwirtschait noch lange nicht
erechtigen.
169. Ergebnisse: Wesen und Folgen der Geldwirtschaft. Fragen
wir zum Schlusse, was diese ganze Entwickelung des Geld- und Münzwesens für das
volkswirtschaftliche und sociale Leben, ja für alles menschliche Wollen und Handeln
bedeute, so ist die scheinbar einfache Antwort die, sie habe die Geldwirtschaft geschaffen.
Aber was heißt dies? was bedeutet dieser allgemeine Begriff, in welchem wir das
Vorhandensein der Geldeirkulation und alle die vielfältigen wirtschaftlichen Einrichtungen
und Folgen zusammenfassen, welche sich daran geknüpft haben. Indem wir die Geld—
virtschaft der Naturalwirtschaft entgegenzufetzen pflegen, stellen wir zwei wirtschafts⸗
zeschichtliche Sammelbegriffe nebeneinander und verdeutlichen so etwas den Gegensatz,
wWer wir erklären ihn noch nicht. Und wenn wir die Naturalwirtschaft näher definieren
wollen, so sehen wir, daß der Begriff recht verschieden angewandt wird. Man denkt
hei ihr zunächst an die Wirtschaftsweise primitiver Stämme und Völker ohne oder fast
ohne allen Verkehr, jedenfalls ohne Geldverkehr, an die älteren agrarischen Zustände, wobei
eils die einzelnen fuür sich, teils die Familie und die Sippen für sich produzieren, was sie
onsumieren. Aber auch viel spätere Zustände, z. B. die ländlichen des 18. Jahr⸗
hunderts mit Grundherrschaft, Fronen, Naturalabgaben pflegt man noch als Natural-
wirtschaft zu charakterisieren. Man könnte fast sagen: Natural⸗ und Geldwirtschaft
eeien saft überall, auch heute noch, bis auf einen gewissen Grad mit einander verbunden.
Wir haben gesehen, daß die Entwickelung des Gelde und Münzwesens Jahr—
hunderte, ja Jahrtausende zuruückreicht. In der Mitte des 8. Jahrtausends vor Chr.
rechnete und kaufte man in den babylonischen Städten alles mit Edelmetall, zwar nicht
mit gemünztem, aber doch mit einem in große und kleine Stücke geteilten, in bestimmte
Form und Gewichtsgrößen gebrachten; hier, wie in Ägypten und anderwärts existierte also
ein Zustand, der einen nicht unbedeutenden wirtschaftlichen Verkehr einschloß, der den
ilten Raturaltausch abgestreift hatte, ja der über das ältere rohe Naturalgeld schon
veit hinaus war; ein solcher Verkehr näherte sich schon stark dem mit gemünztem Gelde,
vie wir ein solches in Lydien etwa 675—657 v. Chr. zuerst sicher treffen. Dieser
habylonische Verkehr übertraf in seinen allgemeinen Folgen den Geldmünzverkehr, z. B.
m karolingischen oder ottonischen Reiche ohne Zweifel weit. Was wir als Geldwirtschaft
bezeichnen, ist also eine langsame Entwickelung von 4265 Jahrtausenden, auch wenn wir
das ältere Vieh- und ähnliches Naturalgeld ganz ausscheiden; wollten wir auch dieses
rinbeziehen, so hätten überhaupt fast aue Zeiten und Völker, die wir kennen, Geld⸗