Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

104 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 1562 
auch die Tugend, die moralische Handlung ist es — vom höheren Standpunkt aus 
gesehen. 
Wir haben es im folgenden nur mit dem wirtschaftlichen Werte zu thun. Über 
sein Verhältnis zum sittlichen Werturteil aber sei hier noch folgendes bemerkt. 
Da wirtschaftliche Mittel für alle Zwecke nötig sind, für die höchsten wie für die 
aiedrigsten, so kann die Frage, wie die wirtschaftlichen Kräfte und Mittel auf die Ge— 
samtheit dieser Zwecke zu verteilen seien, nicht bloß eine wirtschaftliche sein: d. h. die 
Ordnung der Nachfrage nach den verschiedenen wirtschaftlichen Gütern enthält die Ord— 
nung der Lebensführung überhaupt; ob wir von unserem Einkommen mehr für Essen 
oder mehr für Wohnung, mehr für uns oder die Erziehung unserer Kinder ausgeben, 
ist nicht bloß eine wirtschaftliche, sondern noch mehr eine sittliche Frage. 
Da der wirtschaftliche Wert auf ein Haben und Besitzen bez. ein Arbeiten hin— 
zielt, so fragt sich, wie die wirtschaftliche Arbeit und der wirtschaftliche Erwerb in die 
Gesamtheit menschlicher Lebenszwecke eingefügt werden soll, welchen Rang diese Be— 
strebungen haben sollen, wie weit wirtschaftliches Streben Selbstzweck oder Mittel sein 
soll, wie weit und wo die wirtschaftlichen Werturteile gegenüber höheren zurücktreten 
jollen. Es beruhen die größten sittlichen Fortschritte der Menschheit daraus, daß das 
Individuum nach gewissen Seiten als höchster Wert, als Selbstzweck erschien, jenseits 
alles wirtschaftlichen Wertes, daß gewisse Handlungen nicht als käufliche, bezahlbare 
mehr erscheinen. Die Nichtbezahlung von Leistung und Gegenleistung in der Familie, 
die Vergütung gewisser Amtsthätigkeit mit Ehre statt mit Geld und vieles Ahnliche be— 
ruht darauf. Alles volkswirtschaftliche Handeln ist so auf höherer Kulturstufe begleitet von 
einer säuberlichen Grenzregulierung zwischen den wirtschaftlichen und den höheren Werten. 
Endlich wird auch gegenüber jedem wirtschaftlichen Werte, der auf dem Markt 
als ein Ergebnis von Kräften und Größenverhältnissen sich neu gebildet hat, regelmäßig 
die Frage aufgeworfen, ob er als ein diesen Elementen und den gesamten gesellschaft- 
lichen Verhältnissen angemessener, als ein billiger oder unbilliger, als ein gerechter 
oder ungerechter erscheine. Darauf komme ich nachher eingehender zu sprechen. 
171. Der wirtschaftliche Wert, sein Wesen, seine Arten, seine 
Dogmengeschichte. Die wirtschaftlichen Wertgefühle und Werturteile bilden sich 
mit dem zweckbewußten wirtschaftlichen Handeln des Individuums und der Gesellschaft. 
Selbst im primitivsten wirtschaftlichen Zustand steht der Mensch einer Mehrheit von 
Bedürfnissen und Zwecken (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Werkzeuge) gegenüber, die 
ex nach ihrer Wichtigkeit ordnet; und diesen Zwecken stehen gewisse Mittel, natürliche 
Schätze, Früchte, Tiere, vor allem aber die menschlichen Arbeilskräfte gegenüber; letztere 
können zwar mit Mühe und Opfer, mit Anstrengung und Entsagung, aber doch mehr 
und mehr mit Erfolg das schaffen, was zur Erreichung dieser Zwecke dienlich ist. Der 
Mensch bemerkt, daß er bald reichlich, bald sparsam versorgt sei, daß er das eine mit 
biel, das andere mit wenig Schwierigkeit, Mühe und Arbeit sich verschaffen könne. Je 
komplizierter das wirtschaftliche Leben wird, desto zahlreicher werden die Bedürfnisse 
und Zwecke, für die wirtschaftliche Mittel nötig sind, die Güter, die Arbeitsleistungen, 
die hierfür in Betracht kommen. Die natürliche Erfahrung, die fortschreitende technische 
Frkenntnis, die Einsicht in den natürlichen und gefellschaftlich-sittlichen Kausalzusammen— 
hang der Dinge führt zu einer immer komplizierteren Wertung und Ordnung der wirt— 
schaftlichen Zwecke und der wirtschaftlichen Mittel, die immer erfolgt von einem höher 
oder niedriger gegriffenen Standpunkt des Überblickes über ein Ganzes von wirtschaft— 
lichen Zwecken und Mitteln. Es kann der des Haushalts des einzelnen oder der 
Familie, es kann der einer Unternehmung, einer Gemeinde, des Staates sein. Man 
ragt sich, was ist im Augenblicke, in der gegebenen Lage, nach der Menge der vor— 
handenen Mittel, der wichtigste Zweck, welcher folgt dann; man überlegt, welche Mittel 
dem Zwecke dienen, bevorzugt das bessere; wenn dasfelbe Mittel mehreren Zwecken 
dient, so sieht man zu, wie weit es über den wichtigen Zweck hinaus den unwichtigen 
dienen könne. Man späht nach der Grenze des Nußens den kin in größerer Menge 
vorhandener Gegenstand haben könne, nach dem sogenaunten Grenznußen. Man wernt
	        
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