563) Die Entstehung der wirtschaftlichen Werturteile. 105
im Überfluß vorhandene Güter und Arbeitsleistungen, die bis zur Verwendung für
ganz gleichgültige Zwecke reichen, weniger als solche, welche nur für die wichtigsten
genügen. Da die meisten Güter, welche wirtschaftliche Bedürfnisse befriedigen, und die
Produktionsmittel, hauptfächlich die Arbeitskräfte, welche sie herzustellen gestatten, bei
etwas gestiegener wirtschaftlicher Kultur in beschränkter Menge vorhanden find, so
pflegt man „wirtschaftlichen“ Wert überhaupt den Gütern nicht mehr beizumessen, die
in verhältnismäßig unbegrenzter Menge vorhanden sind. Sie erscheinen als wirtschaftlich
wertlos, man braucht sich um sie nicht zu bemühen, für sie nicht zu arbeiten; man
pflegt sie als freie Güter den wirtschaftlichen entgegenzusetzen. Alle übrigen Güter
schätzt man um so höher, je seltener sie sind, je schwieriger, mit je mehr Opfer und
Anstrengung sie herzuftellen sind, sofern sie gleich wichtigen Zwecken dienen; dienen sie
verschieden wichtigen, so drückt sich in ihrem Wert neben der Schwierigkeit der Erlangung
die Rangstufe des Zweckes aus.
Jede Überlegung, die zu einer wirtschaftlichen Wertbildung führt, erfolgt konkret
zu bestimmter Zeit, auf bestimmtem Gebiet, in bestimmtem Klima, innerhalb eines
Gesellschaftszustandes mit einer bestimmten Besitzverteilung und Klassenordnung, d. h.
unter konkreten Voraussetzungen, welche allen und dem einzelnen den wirtschaftlichen
Erwerb leicht oder schwer machen. Und so werden alle wirtschaftlichen Werturteile
durch Vorstellungen über die vorhandene Menge der erreichbaren oder verfügbaren
Güter und Arbeilskräfte, über die vorliegende leichte oder schwierige Beschaffenheit der—
selben beherrscht. Auch wer von seiner augenblicklichen Lage etwa abstrahiert, hat einen
angenommenen Durchschnittszustand der Natur und der Gesellschaft, der Triebe und
Bedürfnisse, der wirtschaftlichen Zwecke und Mittel im Auge, von dem aus er nun
seine Wertgefühle und -urteile gestaltet.
Der psychologische Vorgang bei der Bildung des wirtschaftlichen Wertes in der
Seele des einzelnen und der Gesellschaft ist dabei derselbe wie bei jeder Wertbildung.
Ein Individuum oder eine Gruppe von solchen, deren Zwecke, und zwar abgestuft nach
ihrer Bedeutung in einer hierarchischen Ordnung, die aus natürlich-technischen wie
gefellschaftlich-sittlichen Elementen sich ergiebt, das ist die Grundlage: auf die Personen
und Zwecke werden die vorhandenen und erwarteten Mittel (bez. die Möglichkeiten ihrer
Neubeschaffung) bezogen; Lust und Unlust, Nutzen und Schaden, Lebensförderung und
Lebenshemmung, welche sich mit einem Gute und seinem Eigentum, seinem Genuß und
seiner Entbehrung verknüpfen, werden gegeneinander abgewogen; man fragt sich stets
zugleich, was nützt dich diese Mahlzeit, was entbehrst du, wenn du sie nicht hast,
welche anderen Güter entgehen dir, wenn du dieses erwirbst, welche Mühe und Arbeit,
die auch anderes schaffen könnte, mußt du aufwenden, um in den Besitz dieses Gutes
zu kommen. So steht auf den zwei Wagebalken der inneren Überlegung stets hier der
Nutzen, die Brauchbarkeit, dort die Frage der Entbehrung, der Opfer und Kosten, der
Beschaffbarkeit. Diese letztere schließt die Frage der Seltenheit wie der Kosten, der
aufzuwendenden Arbeit in sich.
Aller Wert ist so ein Relationsbegriff, und zwar ein sehr komplizierter; es handelt
sich um die Relation, in welchen Personen und Zwecke, Zwecke und Mittel stehen, um
die Beziehungen, Gefühle und Urteile, welche hieraus entstehen, um die gegeneinander
abgewogene Ordnung der Zwecke und der Mittel, um die Bedeutung der ersteren, um
die Nutzbarkeit, die Größenverhältnisse, die Beschaffbarkeit der letzteren. Je nach dem
dabei angenommenen Standpunkt kann aus denselben Verhältnissen ein verschiedenes
Werturtell folgen. Der Woert Uegt nie in den Dingen selbst, sondern im Urteil der
Nenschen oder Menschengruppen, in den Beziehungen und Kulturverhältnissen, in dem
sie stehen, aber er erscheint den Menschen stets so, als ob er in den Dingen liege, weil
die objeklive Ordnung der Natur und der Gesellschaft das Urteil im wesentlichen bestimmt.
8 Man wird so den wirtschaftlichen Wert bezeichnen können als das durch
ergleichung und Schätzung enistandene Bewußtsein über das Maß
on Bedeutung, welches das einzelne Gut oder die einzelne
Arbeitsleistung gegenüber anderen durch ihre Brauchbarkeit und