304 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes n. der Einkommensverteilung. [762
verkürzt. Das konstante Kapital, d. h. die toten Produktionsmittel, die keinen Wert
an sich erzeugen (nur Arbeit kann das ja), wächst auf Kosten des variabeln, d. h. des
sür Arbeitskräfte ausgegebenen; es werden mit jedem technischen Fortschritt Arbeiter
brotlos; es entsteht die Reservearmee der Unbeschäftigten, welche in den cyklisch wieder—
kehrenden Krisen sich stetig vermehrt und immer härter auf den Lohn drückt. Das ist
das Populationsgesetz der kapitalistischen Epoche, während daneben Marx die Möglich—
keit einer Ubervölkerung im Verhältnisse zu den Subsistenzmitteln leugnet, ja behauptet,
die englische Bevölkerung würde bei rationeller Beschränkung des Arbeitstages für den
Bedarf gar nicht ausreichen. Zugleich behauptet Marx, daß die Maschine den gelernten
Arbeiter verdränge, den ungelernten Proletarier zum allgemeinen Typus des modernen
Arbeiters gemacht habe; die Herabdrückung der Kenntnisse und der Geschicklichkeit gehe
jo Hand in Hand mit dem Siege der kapitalistischen Produktion; die allgemeine Ver—
elendung der Masse des Volkes sei das unbestreitbare Ergebnis.
Marx ist beherrscht von den Eindrücken und Enqueten der englischen Textil—
industrie in ihrer social traurigsten Zeit, er leugnet nicht, daß später die Fabrikgefetz—
gebung die physische und moralische Wiedergeburt des englischen Fabrikarbeiters herbei—
geführt habe, daß die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches
Element enthalte. Aber er konnte, alt geworden, nach 1867 von seiner Theorie des
Mehrwertes und der Verelendung doch nicht mehr loskommen. In seinen Anklagen
gegen die Maschinen ist ein großes Element der Wahrheit, das wir (18 885 S. 228)
gewürdigt haben; die Wirkungen der Krisen übertreibt er, aber sie sind ein schwer
auf den Arbeiterstand drückender Übelstand. Der eigentliche Wahn von Marx ist seine
Mehrwerttheorie; wir haben oben (II, S. 113—-118) in der Wertlehre schon erörtert,
daß und wo in der Wirklichkeit ungerecht angeeignete Mehrwerte, d. h. ungerechte
partielle Nichtbezahlung von Waren und Leistungen vorkommen. Marx ignoriert alle
übrigen derartigen Fälle, sieht nur den einen und führt ihn auf eine angeblich
phyfiologisch-technische Ursache (daß nur die Arbeitskraft Wert erzeuge) zurück. Das
ist nicht bloß eine unbewiesene Behauptung, sondern eine gänzliche Verkennung der
wahren Ursachen der Wertbildung überhaupt und der Mißstände, unter denen die
Arbeiter leiden. Wo hochbezahlte Waren große Gewinne schaffen, ist meist nicht in
erster Linie der Arbeiter, sondern der Unternehmer die Ursache. Und wo der Arbeiter
weniger für seine Arbeitskraft erhält, als ihm nach zeitgemäßen Gerechtigkeits—
vorstellungen gebührt, als ihm nach Lage des Marktes gezahlt werden könnte, sind
wucherische Verhältnisse, unvollkommene Institutionen meist ebenso sehr schuld wie ein
UÜberangebot von Arbeitskräften. Die eine wie die andere Ursache der Aneignung von
Mehrwert kann aber durch Sitte und Recht bejeitigt beziehungsweise eingeschränkt
werden; das ahnt Marrx ja auch, wie seine Bemerkungen über die Wirkung des Zunft—
rechtes, sein Ausspruch über die Fabrikgesetzgebung und seine Hoffnung auf die politische
Macht der Arbeiterschaft zeigt. Aber diese Gedankenreihen werden stets wieder zurück—
gedrängt und verdunkelt durch die schiefe Tendenz, eine sociale Geschichtsentwickelung
zu konstruieren, in welcher Technik und materielle Ursachen alles, die Menschen nichts
bewirken.
Die Theorie von Marx wie die aller älteren Lohntheoretiker bis ans letzte Viertel
des 19. Jahrhunderts enthalten Teilwahrheiten auf Grund partieller Thatsachen—
beobachtungen. Es sind schiefe oder falsche Verallgemeinerungen daraus. Erst von
1860—1900 konnte sich auf Grund des Kampfes zwischen den bürgerlichen und
ocialistischen Theorien, auf Grund einer viel breiteren historischen und statistischen
Beobachtung, in Zusammenhang mit der richtigen Würdigung der Gewerkvereine, der
Fabrikgesetze und anderer focialer Institutionen in immer weiteren wissenschaftlichen
Kreisen eine richtigere Beurteilung der Lohnbewegung bilden. Die Arbeiten Thorntons
in England, Brentanos inDeutschland, F. A. Walkers in den Vereinigten
Staaten haben dabei die Führung gehabt. Wir versuchen nun, kurz darzulegen, was
r hemaß dem heutigen Stande der Wissenschaft über die Ursachen der Lohnhöhe
'agen kann.