330 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —788
wortlichkeitsgefühl, das jetzt die Gemeindeorgane haben, fehlte. Die überhaupt so leicht
durch zu reichliche Armenunterstützung eintretende demoralisierende und proletarisierende
Wirkung wäre noch stärker, als sie jetzt oft schon ist. Es träte die vollständige
Bureaukratisierung der Armenpflege ein: es verschwände die individualisierende Be—
handlung, die man jetzt durch richtige Organisation der Armenpflege in der Gemeinde
doch vielfach erreicht. Freilich sehen wir auch in der Gemeindearmenpflege keineswegs
überall Organe, die Vollkommenes leisten. Die von dem englischen Friedensrichter
ꝛrnannten Armenaufseher haben bis 1834 ihres Amtes recht schlecht gewaltet. Jetzt
sttehen an der Spitze der vergrößerten Armenverbände in England gewählte kollegialische
Boards, die in wöchentlichen Sitzungen über die Anträge der geldbezahlten eigentlich
ausführenden Armenbeamten beschließen. Früher saßen in den Boards hauptfächlich
die Gentlemen of no occupation, jetzt bei dem demokratischen Stimmrecht vielfach auch
Arbeiter; ihr Eintreten in dieselben wird als heilsam gerühmt. Die Armenbeamten
werden jetzt sast ganz von der Grafschaftskasse bezahlt; sie werden vom Board gewählt,
von der Centralarmenbehörde bestätigt, welche auch die Höhe der Gehälter und ihre
etwaige Entlassung bestimmt; dadurch ist die schädliche Abhängigkeit von Lokalintereffen
beseitigt. In den Vereinigten Staaten sind die analogen Armenbeamten fast ganz die
Beute der Parteistellenjügerei geworden und daher von recht zweifelhafter Brauchbarkeit.
Gegenüber dieser mehr bureaukratischen Ausführung hat man in den größeren deutschen
Gemeinden mehr und mehr eine ehrenamtliche bevorzugt, wie sie 1832 in Elberjeld
durchgeführt wurde. Unter Magistrat und Stadtverordneten, welche die Oberleitung
haben, steht eine kollegialische Armendeputation, die unter Zuziehung von Geist—
lichen, Arzten und anderen Gemeindegliedern aus einigen Mitgliedern des Magistrats und
der Stadtvertretung besteht; unter diesen bewilligen, nach Bezirken oder Distrikten ein—
zeteilt, die ehrenamtlichen Armenpfleger die Unterstützungen; jedem solchen Armenpfleger
sind nur einige arme Familien zugeteilt, die er regelmäßig alle 14 Tage besucht und
kontrolliert; er soll der Freund und Berater der Armen sein und werden, ähnlich wie
die urchristlichen und die reformierten Diakonen des 16. Jahrhunderts. So ist eine
heilsame Decentralisation und Individualifierung der Armenpflege erreicht, wie sie
der geldbezahlte Beamte, durch dessen Hände Dutzende und Hunderte von Gesuchen
gehen, nicht leisten kann; so ist eine menschliche Teilnahme der übrigen Bürger an den
Armen herbeigeführt, die kein anderes System erreicht. März 1899 waren in Berlin
3310 Personen ehrenamtlich in der offenen Armenpflege thätig, daneben 1778 Waisen—
räte, wovon 4883 Frauen waren. Nicht bloß in Deutschland, sondern bereits auch in
Osterreich und der Schweiz hat sich dieses System verbreitet.
Neuerdings hat die Teilnahme von Frauen in der Armenverwaltung viel Gutes
gestiftet; und zwar in den Kollegien als Armenpflegerinnen wie als angestellie Gemeinde—
schwestern, Krankenpflegerinnen, Hauspflegerinnen u. s. w. Für die Anstalten handelt
es sich darum, ein gutgeschultes, aufopferungsfähiges Beamtenpersonal männlichen oder
weiblichen Geschlechts zu schaffen; religiöse Stimmung und Verpflichtung ist für die
meisten Menschen in solchen Stellungen ein wesentliches pfychologisches Förderungs⸗
mittel. Ohne starke Disciplinarmittel, formale Kontrollen, mechanische Bureau—
fratifierung kommt man in allen größeren Anstalten nicht aus. Aber die bloße
Disciplin reicht nicht hin; fie erzeugt den Unteroffizierston, über den man in vielen
deutschen Anstalten klagt. Im übrigen ist das Problem ein ähnliches wie in allen
Staats- und Gemeindebetrieben. (Vergl. 18110.)
4. Wir sind damit wieder bei dem Gegensatz zwischen offener und geschlossener
Armenpflege angelangt, dessen neueste Gestaltung wir noch ins Auge zu faffen haben.
Zwei Ursachengruppen haben die Anstaltspflege, welche von 1300 —1700 wegen ihrer
hohen Kosten, ihrer Mißbräuche, ihrer meist laͤstigen und schlechten Verwaltung mehr
als billig in Verruf gekommen war, neuerdings wieder in so viel günstigerem Lichte
erscheinen lassen. Einmal konnten alle möglichen technischen Fortschritte in der Kranken⸗
behandlung, dann aber auch in Heizung, Beleuchtung, Nachrungsmittelbereitung, sowie
m Unterricht, in der Reinlichkeit nur in großen Anstalten leicht durchgeführt werden.