789) Burcaukratische u. ehrenamtliche Armenpflege. Anstaltspflege. 331
Ferner können gewisse sociale und wirtschaftliche Ziele nur oder viel leichter in An—
ttalten erreicht werden: so die Beschäftigung der Arbeitsfähigen — seit dem 18. Jahr—
qundert schwärmte man für Arbeits- und Armenhäuser und ließ die Insassen spinnen —;
aur im Armenhaus hat man die Leute ganz unter Krontrolle, kann hindern, daß fie
daneben Almosen heischen, kann fie durch scharfe Disciplin und harte Behandlung dahin
bringen, daß sie möglichst wieder sich auf eigene Füße stellen wollen, kann die unliebsame
Konkurrenz des Almosenempfängers mit den Arbeitern des freien Marktes hindern. Das
englische Allowancesystem hatte seit 1782 den Arbeitern, die, mit vielen Kindern gefegnet,
nicht mit ihrem Lohn ausreichten, Lohnzuschüfse bezahlt, und so die ganze englische
Arbeiterklasse herabgedrückt. Im Gegensatz hierzu verlangte man möglichste Verweisung
in Armenhäufer. Der Bau von solchen, in die man die Armen verwies, hatte in
England 1698 —1750 die Armenlast da und dort ermäßigt, teilweise bis auf die Hälfte.
Die Armenreform von 1834 wollte nun das Arbeitshaussystem ganz, möglichst konsequent,
durchführen. Später hat man auch in Sachsen, Meiningen, Ostfriesland in ähnlicher
Weise durch möglichst weitgehende Internierung der Armen abschreckend zu wirken
zgesucht, und dies Ziel bis auf einen gewissen Grad erreicht, die Armenzahl vermindert.
Aber unendlich weit blieb man überall davon entfernt, alle Armen in Anstalten
unterbringen zu können. Es waren 1880 in Sachsen doch nur 400/0; in Deutschlands
Bemeindearmenpflege 1888 200/0, in England 1881 - 1885 23-24 090, 1891 - 1895
21 -220,0. Selbst die arbeitsfähigen Armen, für die man vor allem das englische
Workhouse geplant, wurden 1871 575 nur zu 6, 1891 -95 nur zu !/8 da unter—⸗
gebracht, obwohl von 1876 an ein neuer Anlauf in dieser Richtung gemacht wurde.
Alle Anstaltspflege ist unendlich viel teurer. Nach Berechnungen aus der Berliner
Armenstatistik der letzten zehn Jahre (1888 —-1898) kommt in der offenen Armenpflege
zin regelmäßig Unterstützter jährlich auf 145—5160 M., ein Kind auf etwa 76 M.,
ein Krankheitsfall auf 457 M., ein in Familienpflege untergebrachtes Waisenkind auf
108 -216 M.; in der geschlossenen Armenpflege dagegen kommt der vorübergehend Erkrankte
auf 35 — 60 M., der Alte jährlich auf 300 —400 M., der Sieche auf 180 —600 M., der Irre
auf 780 M. (in der Familienkost 488 M.), das Waisenkind auf 200 — 400 M. Natürlich
iänd die in Anstalten befindlichen Armen zugleich die schwereren Kranken, die schwieriger
zu behandelnden Waisen ꝛc. Aber so viel mächen die Zahlen doch wahrscheinlich, daß
die Unterbringung aller heutigen Hausarmen in Anstalten wohl das Doppelte kosten würde,
was ihre offene Unterstützung erfordert. Wenn Berlin 1898 jen8 Millionen Mark für
die offene und für die geschlosfsene Pflege ausgab, so ist die große Frage, ob die Ver—
pflegung aller offen Unterstützten in Anstalten durch Abschreckung wieder so viel ersparte,
wie die Mehrkosten der kasernierten Unterbringung von 30 —40 000 Almosenempfängern,
F obo Hauskranken, 4—55000 in Familien untergebrachten Waisen betragen
würden.
Außerdem aber ist die Anstaltspflege häufig mit großen sittlichen Schäden verbunden,
auch wenn Beamte, Hausordnung und Disciplin noch so gut sind. Das Laster ist ansteckend.
Daß die Mehrzahl der Waisenkinder besser und viel billiger in guten Familien auf
dem Lande erzogen werden als in großen Waisenhäusern, giebt man jetzt auch in
den Ländern zu, welche bisher, wie England und die Vereinigten Staaten, letztere
bevorzugt haben; die Praxis hat durchaus für die Familie entschieden, außer wenn es
sich um kranke oder ganz verworfene Kinder handelt. Am ungünstigsten hat die
Armenkasernierung da gewirkt, wo man, wie zuerst im englischen Workhouse alle
Arten von Armen durcheinander aufnahm und gemeinsam verpflegte. Auch in England
hat man mehr und mehr die Kranken, die Kinder, die Gebrechlichen, die Alten, die
Arbeitsfähigen in den Austalten von einander getrennt. Das war ein Fortschritt, machte
die Sache aber wieder viel teurer. Auch die Arbeitsbeschaffung für die Arbeitsfähigen
macht, seit die Spinnmaschine das Spinnen im Arbeitshaus als jederzeit lohnende
Beschäftigung wegnahm, Schwierigkeiten, wenn auch nicht so große wie für die nicht
kasernierten Arbeiter. Wöchnerinnenasyle für alle gebärenden armen Frauen sind
grundijalsch: viel besser ist, ihnen Hauspflegerinnen für ihre Familienwirtschaft zu