334 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverkeilung. 792
dieser Organe hat nur günstig gewirkt. Der Staat kann wie in Belgien gewisse
Armenanstalten direkt in die Hand nehmen, so die Anstalten für Arbeitsscheue, für
Alte und Gebrechliche, für die Zwangserziehung verwahrloster Jugend (letztere in Däne—
mark). Er wird überall, wo die Gemeindemittel und die der anderen groͤßeren Selbst⸗
verwaltungskörper nicht ausreichen, mit Zuschüssen eingreifen müssen.
Diese letzteren übernahm am besten die Pflege der Geisteskranken, wie in Frankreich
das Departement, in Preußen teilweise die Landarmenverbände; oft so, daß die Ge⸗
meinden für ihre Untergebrachten gewisse Zuschüsse geben; in Frankreich tritt das
Departement auch für die verlassenen Kinder ein. Auch für Blinde, Taubstumme,
Idioten, Sieche forgen teilweise besser größere Bezirke. Die ganze Tendenz, größeren
Verbänden und dem' Staate eine intensivere Rolle im Armenwesen zuzuweisen, ist in
England, Frankreich, Belgien, Dänemark, der Schweiz, selbst in den Vereinigten Staaten
bereits weiter entwickelt als in Deutschland.
Die Vereins- und kirchliche Armenpflege muß, wo die öffentliche Armenpflege
normal entwickelt ist, sich darauf beschränken, die Lücken dieser auszufüllen; wenn die
oöffentliche Pflege die äußerste Not nach festen Regeln unterstützt und beseitigt, so muß die
private nach Prüfung der Personen, mit noch größerer Individualisierung, nach Lage der
Verhältnisse und stets in Kenntnis der öffentlichen Unterstützungen das thun, was nun
noch fehlt, um den Armen zu helfen und sie wieder emporzurichten. Sie muß den
noch nicht ganz Verarmten, welche keine öffentliche Unterstützung erhalten können, bei⸗
springen, die verschämten Armen über Wasser halten. Wo die verschiedenen Organe
nicht zusammenwirken, entsteht Unheil, wird die Bettelei groß gezogen. Aus den
Niederlanden wird geklagt, daß in jeder Stadt 426 verschiedene Organe, Stiftungen,
Vereine u. s. w. bestehen, die ganz unabhängig von einander vorgehen. Je größer die
Mittel der Privaten, Vereine, Stiftungen sind, desto schlimmer wirkt solche Zersplitterung.
In England und Deutschland hat man neuerdings vielfach geholfen, 1. indem man
dieselben Personen an die Spitze der öffentlichen und der übrigen Armenpflege brachte,
2. indem man alle Organe zu einer Centralarmenbehörde örtlich vereinigte oder
3. wenigstens durch Meinungsaustausch, gemeinsame Auskunftsstellen für gegenseitige
Kenntnisnahme des Geschehenden sorgte. —
Mit all' dem ist man auch heute noch weit entfernt von einer guten, vollendeten,
in ganzen Staaten gleichmäßigen Armenpflege, so große Fortschritte auch gemacht
wurden. In Italien herrschen noch mittelalterliche Zustände; in Frankreich ist man
die Bettlerplage nie los geworden; die englische Armenpflege ist in manchem muster⸗
haft, aber sie ist bureaukratisch, wirkt nicht erziehlich. Eine falsche Verwendung über—
reicher Stiftungsmittel findet noch vielfach statt. Das ganze Problem bleibt ein
unsagbar schwieriges, was in der Natur der Armenunterstützung und ihrer gesellschaitlich—
staatlichen Organisation liegt. Die Armenunterstützung soll nur in der äußersten Not
zegeben werden; sonst vernichtet sie die Selbstverantwortlichkeit, das Ehrgefühl, die
Energie. Sie soll stets so gegeben werden, es sollen ihr solche Nachteile (Verlust des
Wahl- und anderer Ehrenrechte, Entbehrungen, wie sie das Armenhaus auferlegt)
anhaäften, daß der Tüchtige strebt, sie wieder los zu werden, daß der freie gesunde
Arbeiter nie auf den Gedanken kommt, er könnte auch Armenhülfe nachsuchen, könnte
seine Kinder einer Armenanstalt übergeben. Es soll gegenüber den Hunderten und
Tausenden, welche um Unterstützung bitten, gerecht, gleichmäßig streng, sparsam ver—⸗
jahren werden. Es handelt fich also um eine große Summe schwieriger, diskretionärer
Entscheidungen von Hunderten von Beamten, Behörden, Organen, welche in möglichster
Übereinstimmung erfolgen sollen. Geben die Organe der Armenpflege zu leicht, so
wächst, die Last ins ungemessene und unerträgliche, und man zerstört zugleich die
noralischen Eigenschaften der Unterstützten, zieht ein Proletariat von Bettlern heran.
Ist man zu strenge, haftet zu drückende Disciplin, Ehrverlust u. s. w. an der erhaltenen
Unterstützung, so erhalten nur die schamlosen Querulanten, nicht die besseren Armen,
was sie brauchen. Zwischen diesen zwei Klippen wird nur eine besonders tüchtige