793) Beurieilung der heutigen Armenpflege. Versicherungswesen. 335
Armenverwaltung mit ausgezeichnetem Personal, mit guten Instruktionen, mit guter,
einheitlicher Kontrolle von oben leidlich hindurchkommen.
Das letzte Ziel muß sein, durch Sparkassen-, Genossenschafts-, Hülfskassen⸗, Ver⸗
sicherungswesen die gesamten weniger bemittelten Schichten der Gesellschaft so weit zu
zringen, daß sie der Armenunterstützung nicht mehr bedürfen. Wir stehen mitten im
Kampfe um die Erreichung dieses großen Zieles. Vieles ist schon geschehen, z. B. gerade
durch das Versicherungswesen, wie wir gleich sehen werden. Wenn trotzdem zunächst
seit 830 Jahren die Armenlast stark gewachsen ist, so liegt die Ursache darin, daß einer⸗
seits die neuen socialen Hülfen noch nicht ausreichen (für Waisen und Witwen ist
nicht gesorgt, für die Kranken meist nur mit begrenzter Wochenzahl der Pflege, für die
Allken und Invaliden so, daß sie von ihren Renten noch nicht leben können), und daß
andererseits die Ansprüche der Armen und das humanitäre Verantwortlichkeitsgefühl
der Gesellschaft bedeutend gewachfsen sind, daß man Kranke, Irre, verwahrloste Kinder
heute unendlich besser behandelt als vor 50 und 100 Jahren.
Jedenfalls aber sehen wir, daß kein civilisierter Staat heute ohne komplizierte Armen—
einrichtungen auskommt, daß der Gemeinde große wirtschaftliche Aufgaben hier erwachsen
sind, daß die manchesterliche Vorstellung von einer freien Volkswirtschaft, die nur auf
Leistung und Gegenleistung beruhte, schon durch unser Armenwesen widerlegt wird.
215. Das Versicherungswesen im allgemeinen. Seine Entstehung.
Das kirchliche und öffentliche Armenwesen ist viele Jahrhunderte alt. Das Versiche—
rungswesen reicht in seinen ersten Anfängen auch bis ins spätere Mittelalter zurück,
gehoͤrt im ganzen aber erst dem 18. und 19. Jahrhundert, in seiner höheren Aus—
dildung erst den letzten 80 Jahren an. Es knüpft in feiner einen Wurzel wie das
Armenwesen an die Unterstützungseinrichtungen der Geschlechtsgenossenschaften und
Gilden an, ist dann aber wesentlich andere Wege wie die Armenpflege gegangen. Diese
verweist den in Not Befindlichen auf die Hülfe der Gemeinde, der Kirche, der Wohl—
habenden, welche dem Armen wie ein höͤheres Schicksal entgegentreten. Die neuere
Geldwirtschaft und der Individualismus verweist den Armen auf die Sparkasse, in
die er in guten Tagen einlegen soll. Die Versicherung wählt einen Mittelweg. Sie
verlangt von ganzen Gruppen, daß sie sparen und das Gesparte zusammenlegen, damit
die in Not Befindlichen aus den gemeinsam gesammelten Mitteln unterstützt werden
können. Auf dem Boden der Geld- und Kreditwirtschaft und des modernen Privat-
rechts erwachsen, haben sich eine Reihe von Geschäften, Kassen, Genossenschaften, Kor⸗
porationen gebildet, deren gemeinsames Merkmal es ist, von socialen
Gruppen rechtlich fixierte Beiträge zu erheben und zu sammeln und
den von gewissen Schäden oder Nachteilben Betroffenen dafür recht—
lich firierte Entschädigungen zu zahlen. Alle derartigen Einrichtungen rechnen
wir zum neueren Versicherungswesen; es kann sich je nach seiner Ausbildung
im einzelnen dem Armen- wie dem Sparkassenwesen nähern, ist aber ein ganz selbständiger
und wichtiger Zweig unferer Volkswirtschaft geworden. Ob Private das Versicherungs⸗
zeschäft iresben oder Genossenschaften und Korporationen oder der Staat, der Kern des Ver—
hältnisses ist stets derfelbe: Gruppen von Individuen sind durch Zahlungen, die sie felbst
oder andere für sie in eine gemeinsame Kasse machen, zusammengefaßt, so daß jeder
selbständige Rechte für bestimmte Schadens- oder Unglücksfälle hat, als Glied der Gruppe
in diesen Fällen unterstützt wird; stets erhalten dabei einzelne vom Schicksal Getroffene
mehr als fie zahlten, andere vom Schicksal Bevorzugte zahlen mehr, als sie erhalten. Es
handelt fich wie beim Armenwesen um sociale Gemeinschaftseinrichtungen, aber mit
besserer Verknüpfung der Individual- und Gesamtinteressen, mit gerechter individueller
Abwägung der Beiträge und der Schadensansprüche; die kommunistische Gemeinschaft dort
ist hier eine rechtlich geordnete, dem modernen Wirtschaftsleben, seinem Erwerbstrieb und
Privatrecht, der Idee von Leistung und Gegenleistung angepaßte. Ganz durchwachsen
don Sympathiegefühlen und socialer Pflichterfüllung, ist das Versicherungswesen doch
durch geschäftsmäßige und kaufmännische Formen groß geworden und muß auf diesem
Boden bleiben. Die Gefahren der Seeschiffahrt, der Feuersbrünste, die Huülfe für