Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

307) Wesen der Arbeiterversicherung. Entstehungsursachen. 349 
Verbände, die Zunahme von Personen, welche auf mäßige, meist wechselnde, oft unsichere 
Geldeinnahmen gestellt find, und welche zugleich in ihrer Ausgabewirtschaft noch nicht 
gelernt haben, für die Zeiten größerer Auslagen und Kosten Rücklagen zu machen, 
welche die täglichen Einnahmen auch täglich ausgeben, das sind die allgemeinen Voraus⸗ 
setzungen, welche die Arbeiterversicherung in der Gegenwart immer nötiger machten. In 
hem Maß, wie die Geldwirtschaft, der Großbetrieb, die freie Konkurrenz, das Geldlohn⸗ 
derhältnis zunahm, wuchs das Bedürfnis. Es ist geringer, wo noch ein breiter Bauern⸗ 
tand, wo zahlreiche Parzellen- und Zwergwirte existieren, wo ein größerer Handwerker— 
und Kleinhaͤndlerstand sich noch erhielt, wo die ländlichen Tagelöhner noch in Natura bezahlt 
verden, die meisten kleinen Leute noch ein Allmendestückchen, einen gepachteten Kartoffel- 
und Gemüsegarten haben. Alle derartigen Familien haben in ihrer Eigenwirtschaft, 
in den Natucaleinnahmen einen Rückhalt, der bei Krankheit z. B. nicht gleich verfagt. 
Die geographisch und zeitlich so verschieden auftretende Dringlichkeit der Arbeiter⸗ 
versicherung erklärt sich zu einem guten Teil aus den eben charakterisierten verschiedenen 
socialen Zuständen. 
Ebenso hängt mit ihnen, wenigstens teilweise, die Frage zusammen, ob die be— 
zinnende geldwirischaftliche Fürsorge sich der Arbeiterverficherung oder der Sparkasse 
der der Anlage im eigenen Kleinbetrieb zuwendet oder zuwenden soll. Wo die unteren 
Klafsen noch eine mehr kleinbürgerliche oder kleinbäuerliche Lebenssührung haben, kann 
vieljach jede ersparte Mark besser zum Ankauf einer Ziege, eines Schweines verwendet, 
in die Sparkasse getragen als in eine Krankenkasfe gezahlt werden. Wir werden sehen, 
wie aus solchen Zuständen heraus eine Opposition gegen das Versicherungswesen er— 
wachsen ist, wie dasselbe da am frühesten Platz griff, wo diese Zustände durch Groß— 
helrleb und reinen Gelbdlohn seit laͤnger am weitgehendsten verdrängt wurden. Im 
ganzen werden wir aber sagen, hindern sich Sparkasse und Hülfskasse auf die Dauer 
zicht; die eine giebt eine frei versügbare, die andere eine zu festem Zweck gemachte 
Rücklage und Sicherung. Beide sind nötig, und wer in die Sparkasse zahlt, wird auch 
leicht Mitglied einer Hülfskasse und umgekehrt. Die weitgehende deutsche Zwangs⸗ 
arbeiterversicherung hat nicht gehindert, daß Deutschland zugleich das entwickeltste Spar⸗ 
tassenwesen hat; die geringe Entwickelung der franzöfischen Hülfskassen hat dort die Svar— 
asseneinlagen nicht besonders gesteigert. — 
Das stärkste Bedürfnis für Kranken-, Invaliden- u. s. w. Versicherung hat der 
moderne reine Geldlohnarbeiterstand. Aber auch viele andere kleine Leute, Handwerker, 
Heimarbeiter, Werkmeister, Kleinbauern hängen mehr und mehr von schwankenden Geld—⸗ 
einnahmen ab, erhalten eine gesicherte Lebensführung nur durch die Versicherung. Wo 
man, wie in Deutschland, die Arbeiterversicherung ganz auf Lohnarbeiter zuschnitt, die 
Erhebung der Beitraͤge wesentlich durch dohnabzuůge seitens des Arbeitgebers ausführen 
läßt, hat man den Beitritt jener anderen Elemente erschwert. Sie machen bei den 
reien Krankenkassen Englands und Frankreichs /3—92 der Mitglieder aus. Man hat 
auch in Deutschland mehr und mehr eingesehen, daß man ungerecht und falsch handelte, 
diese Elemente des unteren Mittelstandes, deren wirtschaftliche Lage oft schlechter ist 
als die der besseren Arbeiter, auszuschließen. Man veriucht ietzt mehr und mehr, ihnen 
die Versicherungseinrichtungen zu öffnen. 
Gehen wir nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen zu den Bedingungen und 
wirtschaftlichen Voraussetzungen der einzelnen Arten der Arbeiterversicherung über, die 
fie heute so notwendig machen. 
a) Alle Krankheit bringt Störung und Kosten in die Wirtschaft der Familie, 
um so gröͤßere, je geringer das Einkommen, je mehr es vom Geldverdienst der Eltern 
abhängt. Die Krankheit der Kinder ist noch erträglich, wenn die Mutter zu Haufe ist; 
Krankheit der Mutter ist schon viel schlimmer, zumal wo nicht halb oder ganz er— 
wachsene Kinder und Dienstboten in der Wirtschaft helfen; am härtesten ist die Krank— 
Jeit des Vaters, zumal, wenn damit der Verdienst aufhört. Selbst in Familien mit 
zesichertem Einkommen find die Kosten für Pflege und Kuren oft schwer aufzubringen; 
bei den kleinen Lenten und Arbeitern vernichten sie meist die wirtschaftliche Existenz —*
	        
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