352 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —[1810
Da der Kreis der Versicherten sich in diesen drei Epochen von 18,8 auf 18,1 und
18,6 Mill. Personen ausgedehnt hat, so mußten die Unglücksfälle absolut stark wachsen; aber
fie haben 1889 -1894, und noch mehr 1894 —-1899 auch relativ zugenommen. Die Zu—
nahme der kleinen Unfälle, welche in Deutschland von den Krankenkassen behandelt werden,
ällt dabei nicht sehr ins Gewicht, weil sie wahrscheinlich zum großen Teile nur eine
statistische, nicht eine wirkliche ist; früher nicht gemeldete kleine Unfälle, die nur einige
Tage arbeitsunfähig machen, werden jetzt gebucht. Aber auch die anderen großen Un—
fälle haben sich 1888 —1899 um 820/0 relativ vermehrt; die Zahl der Toten hat sich
mehr als verdoppelt; die der dauernd Erwerbsunfähigen hat dank der zunehmenden
aͤrztlichen Kunst und besseren Behandlung allerdings wesentlich abgenommen. Da zu—⸗
zleich die Unfallverhütung sich sehr verbessert hat, so kann die wachsende Zahl der
größeren Unfälle von 2,8 auf 5,6 pro 1000 Arbeiter nur bedeuten, daß die Gefahren
der Maschinentechnik sich sehr gesteigert haben. Sie erscheinen noch größer, wenn man
die Unfälle nicht auf alle versicherten Arbeiter (von welchen viele nur einen Teil des
Jahres beschäftigt sind), sondern auf die sogenannten Vollarbeiter bezieht, d. h. auf die
Zahl von Arbeitern, die herauskommt, wenn man 800 Arbeitstage gleich einen Voll—⸗
arbeiter setzt. Nach diesen Berechnungen haben die gewerblichen Berufsgenossenschaften
1899 eine durchschnittliche Zahl ernster Unfälle von 8,8 auf 1000 Vollarbeiter gezählt;
sie finkt in einzelnen Gewerben auf 1,4 (Seidenindustrie) und 0,4 (Tabak) herab, steigt
aber im Bergbau auf 12,4, in der Holzindustrie auf 11,218,7, in der Müllerei auf
14,4, in einzelnen Baugewerbegruppen auf 17,6, steht auch in der Binnenschiffahrt und
im Fuhrgewerbe auf 11,7 und 16,6. Das heißt in den gefährlichen Gewerben kommen
zährlich auf 100 Arbeiter 122, in allen Gewerben 0,85 erhebliche Berufsunfälle,
vährend an Krankheiten 88 0/0 1899 verzeichnet wurden. Die Krankheiten sind also
11mal so häufig wie die erheblichen Unfälle.
Machen diese Zahlen begreiflich, daß man sich viel früher um die erkrankten als
um die im Berufe verunglückten Arbeiter kümmerte, so zeigen sie doch auch, um welch'
harte, regelmäßige Opfer es sich dabei in neuerer Zeit handelt. Die Verweisung auf
die Armenpflege oder auf milde Gaben der Unternehmer, auf Sammlungen bei Massen⸗
anglücken konnte nicht genügen. Das öffentliche Gewissen erwachte von 1860 — 1880 und
forderte entweder Verschärfung der privatrechtlichen Haft der Unternehmer für die Un—
älle in ihren Betrieben, wodurch man diese zur privaten Unfallversicherung zwang,
oder Herstellung einer ausreichenden öffentlichen Versicherung. Wir haben davon im
nächsten Paragraphen zu reden.
e) Außer dem Berufsunfall schmälert nun aber auch die dauernde anstrengende
heutige Berufsarbeit langsam und nach und nach die korperliche Kraft vieler Arbeiter.
Besonders die schwächlicheren Individuen und die in gesundheitsgefährlichen Betrieben
Arbeitenden find oft schon vom 80., 40. oder 50. Jahr an nicht mehr fähig, harte
Arbeit zu verrichten. Die neuere Altersstatistik der Akkordverdienste zeigt, bei wie vielen
Thätigkeiten, die vor allem starke Körperkraft fordern, sehr frühe der Verdienst abnimmt.
Für viele Arbeitsstellen suchen die Unternehmer nur junge, kräftige Leute, entlassen die
älteren. Giebt es nun auch noch zahlreiche Stellen, bei denen es nicht so auf Körper—
kraft wie auf Erfahrung und Umsicht ankommt, die große Tatsache bleibt, daß in allen
Berufen, welche zugleich volle Körperkraft fordern, eine durch Krankheiten, Kräfteverbrauch,
oft auch durch schlechte Ernährung, durch sonstiges hartes Schicksal sich steigernde Ab—
gahme der Leistungsfähigkeit und Verdienstmöglichkeit sich einftellt. Auf 1Mill. ver—⸗
ficherter Personen kamen neuerdings in Deutschland jährlich In valide im Alter von
20 29 234, in dem von 80—389 340, in dem von 40— 49 164, in dem von 50—59
1150, in dem von 60—- 69 2044. Für sie alle hört mit dem Eintriit der Invalidität
die eigentliche Verdienstmoglichkeit auf. Es muß irgendwie für sie wie für die gesorgt
werden, welche vom 70. Jahre an — und das gilt für die meisten — nicht mehr voul
arbeiten können. Gewiß konnen sich manche dieser Invaliden oder Alten da und dort
noch etwas, z. B. als Vortiers. nußlich machen; zumal die älteren Frauen sind in der