813) Witwenverficherung. Die treibenden Kräfte. 355
ihrer Ausgestaltung, ihre Organisationsformen. In ersterer Beziehung kommen
in Betracht die Arbeiter selbst, die Arbeitgeber, die Versicherungsgesellschaften, die Regie—
rungen und parlamentarischen Kreise, die Versicherungs- und socialpolitische Wissenschaft.
In der Arbeiterwelt bestanden im 19. Jahrhundert zwei starke Strömungen,
die dem Hülfskassen- und Versicherungswesen günstig waren; im übrigen aber waren her—
gebrachte wirtschaftliche Gewohnheiten, Mangel an geschäftlicher Bildung als schwere Hemm—
aisse zu überwinden. In breiten Schichten der Arbeiter und Kleinleute lebte zunächst noch der
alte Gilde- und Genossenschaftsgeist mit seiner Neigung zu brüderlicher Hülfe, mit seinen
sympathischen Gefühlen; in den oberen und mittleren Klassen viel mehr durch Erwerbs—
krieb, Genußsucht erstickt, begünstigte er in diesen socialen Schichten die Erwerbsgenossen—
schaften, die Gewerkvereine, den politischen Zusammenschluß und gesellige Vereine aller
Art, aber auch die Hülfskassenverbände. Im Anfang des neueren Hüuͤlfskassenwesens,
teilweise auch später, rief dieser Genossenschaftsgeist Gebilde ins Leben, die alle diese
Vereinszwecke zugleich umspannen wollten; später schieden sie sich mehr. Der Gildegeist
mußte fich nun aber im Arbeiterversicherungswesen mit der mehr privatrechtlich in—
dividualistischen Tendenz des Versicherungsgeschäftes auseinander setzen, was ihm nicht
leicht wurde. Es fehlte in den eigentlichen Arbeiterkreisen an den kaufmännischen Kennt—
nissen und Sitten, um Kassen mit komplizierten Rechnungen zu führen; die sich selbst
überlassenen Vereine, zumal wenn sie zugleich Geselligkeit pflegten, unterlagen immer
wieder der Versuchung, zu viel für Feste auszugeben, die Gelder zu verteilen. Mißbräuche
aller Art, schlechte Verwaltung, Unfähigkeit, mit der fernen Zukunft zu rechnen, hörten
lange nicht auf. Erst sehr langsam wich der alte, für den Moment hüljsbereite, aber
leichtsinnig in den Tag hinein wirtschaftende Sinn den festen Formen und versicherungs—
technisch geprüften Rechtsansprüchen einer modernen Hülfskasse.
„Das erwachende sociale Selbstbewußtsein des Arbeiterstandes erzeugte, wie auf
auderen, so auf diesem Gebiete den Wunsch nach Selbsthülfe, die Freude an selbst—
gegründeten oder selbstverwalteten Hülfskassen, den Sinn für eine Versicherungsthätig—
keit, wie sie im Mittelstand schon vorhanden war. Die Agitation für Hülfskassen aller
Art wurde ein wichtiger Bestandteil der ganzen neueren focialen Bewegung. Aber die
Führer derselben haulen doch mehr an der politischen, gewerkschaftlichen oder sonstigen
Bewegung Interesse als an der Arbeiterversicherung; manche Formen derselben schienen
ihnen für diese eher hinderlich als förderlich, und wir sehen daher die Arbeiterführer
oft Gesetze, Organisationen, Kaffen bekämpfen, die an sich der Arbeiterversicherung
dienten, sie praktisch förderten.
Die Arbeitgeber haben nicht überall und nicht jeder Zeit Verständnis für die
Arbeiterversicherung gehabt. Aber da und dort waren sie hergebrachtermaßen mit Hülfs—
kassen vertraut und fahen deren Nutzen. In manchen Ländern und Gegenden beseelte
ein humaner Geist der Fürsorge besonders die größeren Unternehmer; baid wuchs auch
die Einsicht, daß die Errichtung und Unterstüßung dieser Kassen ein Machtmittel, ja
eine gute Kapitalanlage sei. Je größer die Unternehmungen wurden, desto mehr ge—
schah; die durch die Patrone geführte Verwaltung war meist billig, kostete oft gar
nichts, stellte sich leichter auf richtigen versicherungstechnischen Boden als die von den
Arbeitern allein verwalteten Kassen. Meist aber verstanden diese patronisierten Ein—
richtungen nicht, in den Arbeitern das eigene Interesse entsprechend zu wecken.
Das Lebensversicherungsgeschäft machte schon im Interesse seiner Geschäfts—
ausdehnung seit 60 —60 Jahren Versuͤche, auch für die kleinen Leute thätig zu sein; wir
xwähnten schon, wie gänzlich ihm die Krankenversicherung mißlang, wie es nuͤr in
England und den Vereinigten Staaten die sogenannte Volksversicherung in weite Kreise
zu tragen verstand. Aber schon diese Versuche wirkten; die Techniker der Versicherung
dingen aus dieser Schule hervor. Die seit 18860 — 1880 beginnende Unfallversicherung der
Aktlengesellschaften war die Vorbereitung für die spateren großen Unfallkorporationen.
Die ganzen Mißbräuche des kapitalistischen Versicherungswesens wiesen auf die öffentlich—
cechtliche Ordnung des Arbeiterversicherunaswesens hin