22 Trittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —480
er setzte fich aus festen Größen von Angebot und Nachfrage zusammen; ein gewisser
gleichmäßiger Gang des Absatzes, der Preise war damit gegeben, aber auch die Kon—
kurrenz ermäßigt, der Sporn zum Fortschritt nicht groß, jede Anderung erschwert.
Doch lag die letzte Ursache dieser Zustände mehr in dem thatsächlichen Zustand von
Angebot und Nachfrage, Verkehr und Wegen, in der Schwierigkeit jedes Absatzes in
die Ferne, als in der konventionellen Ordnung des Marktes. Der größere Teil dieses
alten Wochenmarktrechtes ist in den Kulturstaaten erst im 19. Jahrhundert beseitigt
worden, teilweise erst seit 18340 —1870. Und wo das Recht gefallen ist, hat der Zustand
bdielfach in Form der Sitte fortgedauert.
c) Der Jahrmarkt. der ältere Jahrmarkt erhielt sich allerwärts neben dem
Wochenmarkt. Viele später vergrößerte Orte bekamen erst in den letzten zwei Jahr—
hunderten Jahrmärkte. Jedes Städtchen, oft sogar Dörfer strebten nach solchen. An
oder nach der Kirchweih, wo sich ohnedies mancherlei Volk versammelte, wollte man
auch ein- und verkaufen können. Manchen Orten gelang es, die Verleihung von 2,
4, ja 6 und 7 jährlichen Märkten zu erreichen. Der gewöhnliche Jahrmarkt dauerte
ein oder zwei Tage; er diente dem Viehhandel, der naturgemäß nur im Frühjahr und
Herbst seinen Hauptumschlag hat, und dann dem Detailverkauf der Kaufleute, Krämer
und Handwerker aus dem Umkreis von 6—8 Meilen; ein großer Teil der ländlichen
Bevölkerung, besonders der nicht regelmäßig zum Wochenmarkt fahrenden, gewöhnte sich,
auf dem naͤchsten Jahrmarkt ein- bis zweimal im Jahre alles einzukaufen, was man
an gewerblichen Produkten, Krämerei und Spezerei, Werkzeugen und Geräten brauchte.
Und diese von 1600- 1850 ausgebildete Gewohnheit hält heute noch so umfangreich
vor, daß deshalb auch bis in die Gegenwart die Jahrmärkte ihre Stelle behaupten, wozu
freilich die Schau- und Vergnügungssucht viel beiträgt, da ein Heer von Gauklern,
Zünstlern, Akrobaten und Dirnen heute, wie früher, den Jahrmärkten nachzieht.
Der Wochenmarkt ist ein Lebensmittelmarkt, der Jahrmarkt ein Vieh-, Tuch-,
Leinwand-, Schuhmarkt; auf den Wochenmarkt kommt der Landmann in die Stadt;
auf den Jahrmarkt zieht der Kaufmann und Handwerker der größeren Stadt, auf ihm
konkurriert Händler und Gewerbsmeister aller kleinen Nachbarstädte mit denen des Orts.
Auf dem gewöhnlichen Jahrmarkt findet kein Großhandel, sondern Detailhandel statt.
Die als Verkäufer zugelassenen Gäste oder Fremden sind aus der Nähe; oft waren früher
die aus anderen Ländern und Gegenden, oft auch die aus anderen großen Städten
ausgeschlossen. Der Stadtfremde durfte nur diesen Tag, an der bestimmten Stelle, nach
örtlichem Maß und Gewicht, oft erst nach einer Schau, welche die örtliche Zunft aus—
übte, nach Bezahlung von Zöllen und Marktgeldern verkaufen. Die Chikanen für die
Fremden hörten auch auf dem Jahrmarkt nie ganz auf. Und doch war der Jahrmarkt
ein wichtiges Stück freierer Konkurrenz gegenüber der sonstigen Gebundenheit; einige
Tage im Jahre wurden auf ihm die fremden Händler und die fremden Waren doch im
ganzen zugelassen; waren zahlreiche Jahrmärkte in der Nähe, so erwuchs für Stadt—
dürger und Landmann eine längere Zeit freieren Ein- und Verkaufs, eine stärkere
sKonkurrenz. Vereinzelt haben kluge und weitsichtige Stadträte, welche das Monopol
zgewisser Verkäufergrüppen in der Stadt als schädlich erkannten, wohl auch außer dem
Jahrmarkt größere Freiheit geschaffen, z. B. Back- und Fleischwaren aus der Umgegend,
aus den nächsten Orten auf gewisse Zeit zugelassen. Erst im Laufe des 19. Jahr⸗—
hunderts haben die meisten europäischen Regierungen mit der Gewerbefreiheit die Ver—
kaufsfreiheit der Jahrmärkte fürs ganze Jahr und alle Verkehrszweige statuiert.
d) Messen. Die Messen sind aus den besuchtesten, am besten verwalteten Jahr⸗
märkten der größeren günstig gelegenen Städte erwachsen; sie finden häufig an dem—
selben Orte zweimal jaͤhrlich statt; sie dauern 154 Wochen; sie vereinigen den Zweck
des Jahrmarkts mit dem Handel im Großen und mit dem beginnenden Geld- und
Kreditgeschäft, das zwischen verschiedenen Orten abzuwickeln ist. Auf der Messe trafen
sich die Großhändler der verschiedenen Gegenden und Länder, wie z. B. auf denen der
Champagne die Italiener, die Deutschen und die Niederländer; in Frankfurt a. M.
verkauften Niederländer und Kölner an oberdeutsche Tuchhändler das niederländische und