Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

— Die Arbeitslosigkeit, ihre Ursachen und Folgen. 383 
nachfrage so stark, daß bei kurzen Arbeitsverträgen immer periodisch Arbeitsmangel 
und Arbeitsüberfluß eintreten muß. 
Die Bettlerscharen des 14. — 16. Jahrhunderts waren die Vorläufer der heutigen 
Arbeitslosen. Die englischen Armengesetze von 1576—1601 und später wiederholen 
immer wieder die Mahnung an die Friedensrichter und an die Armenaufseher, sie 
sollten die unbeschäftigten Arbeitsfähigen zur Arbeit setzen, Vorräte von Flachs, Hanf, 
Wolle, Zwirn und Eisen zur Beschäftigung der Arbeiter kausen. Wo die Bevölkerung 
wuchs, wo Bauern gelegt wurden, wo Städte und Zünfte engherziger in der Aufnahme 
wurden, entstanden leicht Arbeitslose; die beginnenden Söldnerheere beschäftigten Tausende 
immer nur in den Sommermonaten, oft nur auf Wochen; nachher waren die reis— 
laufenden Knechte verdienstlos. Immerhin blieb die Beschäftigung im 17., 18. und in 
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch relativ stabil. Friedrich d. Gr. legte 
allen größeren und privilegierten Verlegern der Heimarbeiter die Pflicht gleichmäßiger 
Beschäftigung auf, die älteren Reglements der Hausindustrie erstrebten dasselbe. Erst die 
Großindustrie, das erwerbslustige Unternehmertum der heutigen Industriestaaten, die 
neuere Gewerbefreiheit und Gestaltung des Arbeitsverhältnifses erzeugten in den kritischen 
Jahren 1845-1851, 1857- 1860, 18738 - 1880, 1891 - 1894, 1900 - 1902 Scharen 
Arbeitsloser, wie man sie bisher nicht gekannt hatte. Die Frage der Beschäftigungs— 
losen, der brotlosen Reservearmee wurde eine der brennendsten der Zeit; sie schürte das 
Feuer beim Ausbruch aller revolutionären Bewegungen des Jahrhunderts, fie wurde 
zum Mittelpunkt der neueren socialen Theorien. Es handelt sich um eine große, offene, 
brennende Wunde am Körper unserer Volkswirtschaft. Die Armenkassen koͤnnen immer 
weniger Herr über diese Not werden; die neueren Krankenkassen werden in der Arbeits— 
losenzeit über alle Maßen in Anspruch genommen, verzehren dabei ihre Reserven. Wer 
noch kräftig ist, noch arbeiten kann und kein Verdienst findet, geht leicht körperlich und 
moralisch zu Grunde; er fängt an zu betteln, zu trinken, zu wandern, zu stromern; er 
verzweifelt an sich und der Gesellschaft, er wird ein Vagabunde, oft bald auch ein Ver— 
brecher. Und indem Tausende, zeitweise Hunderttausende so verkommen, kosien sie der 
Armenpflege, der Krankenkasse, der Polizei, den Arbeits- und Zuchthäufern Millionen, 
gehen Millionen an Arbeitswerten verloren (man hat den letzieren Posten schon für 
Deutschland 1893 zu 60—90 Mill. Mt. jährlich, fur 1895 auf 134 167 Mill. Mk. be— 
rechnet), wird das ganze Niveau der Lebenshaltung der unteren Klassen bedroht. 
Um das UÜbel etwas genauer zu fassen, müssen wir einen Moment auf die Größe 
und Art desselben, sowie auf die einzelnen mitwirkenden Ursachen eingehen. 
a) Der letzte Höhepunkt der Arbeitslosigkeit, der allein etwas genauer bis jetzt 
untersucht ist, liegt in den Jahren 1892 —1895. Man schätzte damals die Arbeitslosen 
in den Vereinigten Staaten auf 2 Mill., auch in Großbritaännien auf 1,2522 Mill.; 
in Deutschland sprach man von 200000 bis 2 Mill.; Oldenberg nimmt an, die am 
2. Dezember 1893 gezaͤhlten 0,7 Mill. seien 1892 doppelt bis dreifach so hoch gewesen. Aber 
die meisten dieser Schätzungen und auch viele Zählungen übertreiben sehr; man sprach 1892 
in den deutschen Zeitungen von 180000 stellenlosen Handlungsgehülfen; wahrscheinlich 
waren es höchstens 4000. Unter den 0,5 Mill. deutschen Arbeitslosen vom Dezember 
1895 waren 0,2 Mill. Kranke, also blieben nur 0,85 Mill. Gesunde. In Stuttgart 
wollte man 1892 -1893 2086 Arbeitslose gezählt haben, zur städtischen Notstandsarbeit 
meldeten sich 288. In Zürich meldeten sich im Winter 1870 — 1880 554 Arbeitslose; 
als man untersuchte, ergaben sich 129 bestrafte Verbrecher und Arbeitsscheue, 206 Un. 
erforschliche, 183 Vermögende, 39 bereits wieder in Arbeit stehende, 167 wirklich Arbeits— 
lose. Rechnet man alle, die in einem ganzen Jahre über 2 Tage ohne Arbeit waren, so 
bekommt man leicht 30—550, ja mehr Prozent Arbeitslose; rechnet man in derselben 
Stadt nur die an einem bestimmten Tage Arbeitslosen, so sind es vielleicht 155 —D 
und nicht viel mehr, wenn man die Prozentzahl der Tage ohne Arbeitsverdienst gegen— 
über allen möglichen Arbeitstagen berechnet Die Arbeitslosigkeit ist nach Gewerben 
und Gegenden sehr verschieden. Im englischen eisernen Schiffsbau feierten zeitweise 
1885 — 1886 53 040, während zur selben Zeit in der Spinnerei und Weberei 90/0 der
	        
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