384 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [842
Arbeiter brotlos waren. In den großen deutschen Städten hatten am 2. Dezember 18985 die
ostdeutschen, hauptsächlich die Seestädte, 6—10 0/0 der Arbeiter, die westdeutschen, auch die
großen Industriestädie 2—40/0 Arbeitslose. Die verschiedene gesellschaftliche Struktur,
die verschiedene Art des Arbeitsverhältnisses bewirkt das. In den Vereinigten Staaten
und Auftralien sind alle Arbeitsbeziehungen so viel loser, daß dort viel rascher große
Arbeitslosigkeit entsteht. Im Sommer sinkt die Ziffer stets; es waren Juni 1895 in
Deutschland mit den Kranken 0,29 Mill., ohne sie 0,18, während es im Dezember 0,7
resp. O,s Mill. waren. Bei allen Aufnahmen sollte man die Kranken, die Invaliden,
die alten Leute ausscheiden; auch feststellen, wie viele gesunde, erwachsene Arbeitslose
hzereits Armenunterstützung erhalten, wie viele Frauen, besonders Witwen, unter den—
selben sind; auch wie viele durch Eigenwirtschaft und eigenen Besitz, durch Arbeit von
Frau und Kindern, durch Verwandtenunterstützungen sich halten können, ist eigentlich
nötig zu wissen. Im ganzen wird man als wahrscheinlichen Durchschnitt von Westeuropa
olgendes sagen können: auch in guter Zeit wird meist 0,6—1,0 60/0 Arbeitsloser wegen
Orls⸗, Beruss⸗, Stellenwechsel vorhanden sein; sie steigen nun in den gelernten Berufen bis
auf 2238 9/0 bei flauer Konjunktur, auf 5— 10 040 in der Krisis; ausnahmsweise höher
in Gewerben wie Schiffsbau, Baugewerbe u. s. w.; die ungelernten Arbeiter aber
ommen schon in flauer Zeit leicht auf 10- 185, in eigentlicher Notzeit auf 15— 300.
Die Länder, Gebiete, Städte, welche die modernen Formen der wirtschaftlichen
Organisation am meisten ausgebildet haben, welche am meisten in den Weltverkehr ver⸗
lochten sind, welche die schroffsten Klassengegensätze und Kämpfe, die rückfichtslosesten
Unternehmer und die streiklustigsten Arbeiter haben, werden die größten Zahlen auf—⸗
veisen. Sie sind überhaupt die, welche die stärksten Wirtschaftskrisen, den stärksten
Wechsel von Hausse und Baifse auszuhalten haben.
b) Im übrigen haben auch etwas zurückgebliebenere Länder beim Ubergang in
die neueren Wirtschaftsformen zeitweise große Arbeitslosigkeit, wie z. B. sogar
Rußland und China; sie kommt da nur etwas weniger an die Oberfläche; sie wird durch
die leilweise noch vorhandene Natural- und Eigenwirtschaft, die Familien- und Gemeinde—
zusammenhänge mehr verdeckt. Und vor allem nicht bloß die eigentliche Krisenzeit kennt
die Erscheinung; sie ist chronisch teilweise Jahrzehntelang in Westeuropa da vorhanden
zewesen, wo die großen Veränderungen der Technik, der Betriebsformen, des Absatzes
Tausenden und Hunderttausenden von Kleinbauern, Halbpächtern, Heimarbeitern, Hand—
werkern und gewerblichen Lohnarbeitern ihre bisherige Existenz raubten, und der so ein—
tretende Verarmungsprozeß ein, zwei oder mehr Generationen durch Aufschwungs- und
Niedergangsperioden hindurch sich fortsetzte. Die Bauernlegungen der älteren Zeit, das
Aufhören der Handspinnerei und »weberei von 1800—1890 in England, Deutschland
und anderwärts sind Beispiele dieser Art. In den Vereinigten Staaten haben die
technischen Fortschritte in vielen Industrien 1880 —1900 zeitweise 16—62 9/0 der
Arbeitskräfte dieser Branchen aufs Pflaster geworfen. Losch berechnet, daß bei all—
gemeinstem Siege des Großbetriebes in Deutschland 2,8 Mill. Arbeiter entbehrt werden
fönnten. Meist vollzieht fich ja nun Derartiges langsam; der ÜUbergang kann gemildert
werden; die Bauernlegung konnte und ist durch richtige Maßregeln und Gesetze da und
dort gehindert worden; heute kann ein Teil des Handwerks, der Hausindustrie, des Klein⸗—
handels durch technische und kaufmännische Fortschritte erhalten werden. Immer aber
ist im Auge zu behalien, daß die ungeheuren Umwälzungen der Volkswirtschaft, denen
sich nicht alle Kreise sofort anpassen Können, ein gut Teil der zeitweisen Arbeitslofig-
keit bedingen. Die Krisen, wie diese Anderungen brechen über die betroffenen Schichten
wie ein Schicksal herein, für das sie nicht verantwortlich find.
) Das Gegenteil könnte man eher von dem erheblichen Teile der Arbeitslosen
behaupten, die als die schlechteren, ungeschickteren am ehesten dem Stellenverlust
ausgesetzt find. Die verstuͤrkte Konkurrenz hat alles gemächliche Leben, wie es früher bei
gesicherterem Markte vorhanden war, erschwert. Es findet eine zunehmende Bevor—
zJugung der Kräftigen und Fähigen statt. Karl Booth sagt von den englischen Arbeits-
sosen: „als Klafse sind sie eine Auslese der Unfähigen“. Aber so richtig das sein mag,