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Die neueren Krisentheorien.
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tion als einen dauernden Zustand, nicht als ein plötzlich eintretendes Ereignis. Damit
setzen sie sich mit den realen Thatsachen in Widerspruch. In der Hausse ist keine
Unterkonsumtion, sondern eine stark wachsende, teilweise nicht zu befriedigende Nachfrage
aller Klassen, auch der Arbeiter vorhanden. Die Hausse bricht zusammen, weil die
übermäßig gestiegenen Preise sich nicht halten lassen. Erst mit der Krise und in der
Depresffion beginnt die Einschränkung des Konsums, die sogenannte Unterkonsumtion.
Und das Hauptgebiet der unverkäuflichen Überproduktion liegt neuerdings nur beschränkt
auf dem Markt der Konsumwaren. Unverkäuflich sind hauptsächlich Kohle, Eisen,
Maschinen. Auch ein erheblicher Mehrkonsum der Arbeiter würde diese Art der Über—
produktion nicht beseitigen.
Viel mehr Berechtigung hat die Zurückführung der Krisen auf die Thatsache,
daß die ganze wirtschaftliche Produktion ohne einheitlichen Plan und ohne Rücksicht
auf den Gesamtbedarf erfolge, daß die augenblicklichen Gewinnabsichten von Tausenden
egoistisch Verfahrender den Markt, die Produktion, den Handel beherrschen. Die speku—
lativ⸗privatwirtschaftliche Geschäftsorganisation unserer Volkswirtschaft mit ihrer Preis—
bildung, ihrem Markt- und Verkehrsmechanismus, ihren Konkurrenzvorgängen ist doch
wohl die letzte und innerste Ursache der Krisen. Das haben aber nicht bloß die Socia—
listen, sondern auch Schäffle und andere betont. Die Bezeichnung dieser ganzen Vor—
gänge aber als anarchische Planlosigkeit ist stark übertrieben, ja verfehlt. Denn der
immer wachsende Nachrichtendienst, die Handelsstatistik, die kaufmännische Berichterstattung
suchen immer ein Bild von der Nachfrage und ihrer Zukunft zu geben; die steigenden
und fallenden Preise suchen die Produktion und den Handel durch die starken Motive
künftigen Gewinnes und künftigen Verlustes auf die rechte Bahn zu leiten; und sie
thun dies auch bis auf einen gewissen Grad und für ruhige Zeiten mit Erfolg; diese
Mittel genügen, wenn die Menschen nüchtern, anständig, reell handeln, wenn sie neben
ihren egoistischen Gewinnabsichten Rücksicht auf andere und die Gesamtheit nehmen,
neben dem heutigen Gewinn die Zukunft im Auge behalten. Der Geschäftsmechanismus
ruht auch heute bei den meisten Menschen nicht bloß auf Gewinnsucht und rücksichts⸗
losem Egoismus; soweit er so verfährt, bedarf er der Korrekturen; wir sind mitten in
ihrer Ausbildung begriffen, und soweit sie gelingen, schränken sie auch die Krisen, die
falsche Preisbildung, die Überspekulation ein. Wir werden unten weiter davon sowie
von den nötigen Reformen und Umbildungen zu reden haben. Wir kommen hier nur
zu dem von den Socialisten abweichenden Schlusse: Die heutige Volkswirtschaftsordnung
hat ihre Fehler, und sie zeigen sich am deutlichsten in der Hausse und Überspekulation,
in den Krisen, in den nachfolgenden Depressionszuständen; aber aus diesen Fehlern
folgt nicht der Zusammenbruch dieser Ordnung und ihre plötzliche Ersetzung durch eine
socialistische, sondern nur die successive Bekämpfung dieser Fehler. Man muß die psycho—
logischen und sittlichen Ursachen zu ändern, die bestehenden unvollkommenen Einrichtungen
zu modifizieren suchen. Die Welt wird nicht mit großen Schlagworten, sondern mit
ernster, nuchtexner, freilich von großen Gesichtspunkten getragener vetailarbeit reformiert.
Solche Überzeugungen giebt auch die neuere wissenschaftliche Krisenlitteratur, so—
wohl die von Socialisten, wie Bernstein, Kampfmeier, Tugan-Baranowski, wie die der
bürgerlichen Nationaloökonomen, Tooke, Clément Juglar, Schäffle, Michaelis, D'Avis,
Lexis, Herkner, Wells, Spiethoff. Sie hat uns eine bessere Detailkenntnis aller ein—
schlägigen Vorgänge gegeben, hat uns gezeigt, wie die einzelnen hiehergehdrigen Teil—
prozesse und -erscheinungen zu beurteilen sind. Wir wissen jetzt, daß die Geld- und
Kreditvorgänge nicht die primäre Ursache der großen Produktionskrisen sind, aber daß
fie dieselben sehr steigern und auch für sich Störungen verursachen können. Wir über—
sehen jetzt, welche Rolle das sich in der Depression ansammelnde, in der Hausse sich
erschöpfende Leihkapital spielt, daß es aber falsch wäre, darauf allein die Schwankungen
des Wirtschaftslebens zurückzuführen. Wir können jetzt den Einfluß der Grundungs⸗,
UÜberspekulations- und ähnlicher Vorgänge, die Tragweite des in der Haussezeit ent—
stehenden Schwindels und Betruges einigermaßen richtig ermessen. Wir haben begonnen,
die Vorgünge der Preisbewegung und des Arbeitsmarktes genauer zu studieren und zu