Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

947) Die verschiedenen Arten volkswirtschaftlicher Schwankungen und Krifen. 489 
änderungen, als sociale Notstände, als handelspolitische Machtverschiebungen bezeichnen. 
Jedenfalls muß man sich darüber klar sein, daß der Untergang des englischen Bauern— 
standes, daß das Verschwinden der Handspinnerei und -weberei von 1780 — 1870 etwas 
wesentlich Anderes ist, als die Handelskrisen von 1825, 1857, 1878. 
Bleiben wir nun bei diesen, und lassen wir den Einfluß, welchen die Ernten, die 
Seuchen und die oben erwähnten wirtschaftlichen Verfassungssragen und Machtverschie⸗ 
bungen auf sie ausüben, beiseite, so handelt es sich um periodisch wiederkehrende Er— 
scheinungen der neuen arbeitsteiligen Volkswirtschaften, die sich regelmäßig in Aufschwung, 
Krise und Niedergang gliedern. Ihren Ausdruck finden sie in psychischen Mafsen—- 
zuständen, die zwischen Optimismus und Pessimismus wechseln, und in Anläufen zu 
wirtschaftlicher Mehrproduktion und -konsumtion, die in gleichem Tempo sich nur einige 
Jahre fortsetzen, dann in Stockung geraten, in der Krife zu allgemeiner Laähmung des 
Verkehrsmechanismus führen, in der Depression, in einer Jahre dauernden Verlang⸗ 
samung, teilweise Verkümmerung des volkswirtschaftlichen Lebensprozesses endigen. Es 
sind Erscheinungen, die überwiegend der Industrie, dem Handel, dem Bank- und Kredit— 
wesen, der Börse, nur zum geringeren Teil der Landwirtschaft angehbren, die aber durch 
die Preisveränderung, durch die Rückwirkung auf das Einkommen und sonst bald größere, 
bald nur kleinere Teile der Volkswirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. 
In ihren wesentlichen Symptomen zeigen sie so übereinstimmende Züge, daß wir 
oben eine typische Schilderung ihres Verlaufses geben konnten. Aber immer weisen sie im 
einzelnen wieder so erhebliche Abweichungen auf, daß man sie in Gruppen klassifizieren 
und eine historische Veränderung derselben behaupten könnte. Wir werden nachher 
darauf zurückkommen, wie sie sich historisch gewandelt haben. Wir verweilen zungachsit 
bei der Krisenklassifikation, die sich an die einzelnen Ursachen und Haupiorgane, 
die beteiligt sind, anschließen. 
Man hat früher alle derartigen Erscheinungen als Krisen schlechtweg oder als 
Handelskrisen bezeichnet; der letztere Name knupft daran an, daß die Krisen im Ver— 
kehrsmechanismus, in den Preisen, in der Absatzstockung am deutlichsten zum Ausdruck 
Lommen. Lexis hat nun die reine Warenhandelskrise, die reine Börsen-, die reine Geld⸗, 
die reine Kreditkrise den Produktionskrisen als der wichtigften und verderblichsten Krisen⸗ 
art entgegengestellt. Auch noch weitere Einteilungen hat man versucht. 
Mit dem Zusatz „reine“ Geld- u. s. w. Krise will man sagen, daß eine solche 
für sich vorkommen, aber auch mit einer Produktionskrise sich verbinden könne. Man 
versteht unter Geldkrisen Stockungen im Zahlungswesen; es fehlt an Geld infolge 
von Edelmetallausfuhr oder von gestiegenem Geldbedarf, der sich an die viel größeren 
Umsätze anschließt; oder infolge von revolutionären Bewegungen (1848); oder es fehlt 
an gutem Geld, an Vertrauen in die cirkulierende Münze. Man versteht unter 
Kreditkrisen Stockungen des Kredits, hauptsächlich des kaufmännischen; wenn vor⸗ 
her zuviel Wechsel und Noten ausgegeben sind, wenn das Papiergeld stark an Wert 
verliert, so tritt leicht ein Mangel an weiterem soliden Kredit ein; alle Zahlungen, 
diele Geschäfte können dadurch bedroht werden. Man versteht unter einer Kapital— 
krifis die Erschöpfung an flüssigem Leihkapital, welche die Fortführung der Geschäfte, 
besonders der neubegruündeten, bedroht. Unter Spekulationskrifen begreift man 
die Effekten- und Gründungskrisen, die Landspekulationskrisen, die 
Handelswarenkrifen. Die Effektenkrisen bestehen darin, daß zu viel Effekten, 
Aktien, Anleihen ausgegeben wurden, daß ihr Kurs künstlich in die Höhe getrieben 
wurde, und daß dann die Kurse plötzlich fallen; besonders ein UÜbermaß an der Börfe 
ausgeführter waghalsiger und schwindelhaster Gründungen führt dazu; daher auch der 
Rame Gründungs- und Börsenkrisis. Wirft sich die Spekulation auf städtische 
Grundstücke und Bauten, wie in Wien und Berlin 1870 1873, in Berlin 1898 - 1901, 
oder auf die überrasche Ausdehnung der Landwirtschaft, auf den Ankauf ländlicher 
Brundstücke, wie früher oft in den Vereinigten Staaten, heute noch da und dort in 
Kolonialländern, so entsteht die Terrainspekulationskrisis. Ist das Gebiet 
der Spekulation aber der Warenmarkt, die Warenvreisfleigerung, arbeite sie mit funn
	        
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