490 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —[948
lichen Mitteln, Einsperrung in Lagerhäusern, überlanger Zurückhaltung des Angebotes,
so entsteht die Warenhandelskrisis, wenn die Vreise endlich wieder auf ihr wahres
Niveau fallen.
Alle diese Krisenarten können sich und werden sich häufig mit der Produktions—
krisis verbinden. Treten sie selbständig auf, so werden sie leichter überwunden; sie
haben dann mehr nur psychologische Ursachen, liegen wesentlich auf dem engeren Gebiete
der Börse, des Marktes, des Zahlungs- und Kreditmechanismus. Werden sie und die
Störungen des Verkehrs aber erzeugt durch eine zu große Produktion an Produktions-—
mitteln oder Konsumwaren, durch den Bau von zu viel Fabriken, Eisenbahnen, Berg⸗
werken, dann ist die Korrektur und Heilung schwieriger, dauert länger. Die großen
Krisen des letzten Jahrhunderts waren solche Produktions-, Industrie-, teilweise
auch Ackerbaukrisen.
Diese Krisenart allein hat es mit einer realen Überproduktion zu thun. Eine
solche an landwirtschaftlichen Rohstoffen kann in den Ländern der alten Kultur nur
ausnahmsweise durch eine Reihe überreicher Ernten, durch ganz große technische Fort—
schritte, durch Sperrung des bisherigen auswärtigen Absatzes entstehen, dagegen ist fie
in den Gebieten jungfräulichen, unbebauten Bodens leicht möglich, zumal wo der Export
an Rohstoffen sehr schwankt, wie in den Vereinigten Staaten, Argentinien, Australien.
Die UÜberproduktion in Industriewaren ist viel leichter möglich, zumal ihr Absatz an
sich schwankender ist, und häufig zum inneren ein erheblicher auswärtiger Absatz kommt.
Die Mehrproduktion wird durch eine Reihe von Gelegenheitsursachen den Produzenten
nahe gelegt (neue Märkte, technische Fortschritte, große Verkehrsmittelverbesserungen,
Kapitalüberfluß). Kommt dazu ein allgemeiner Optimismus, ein erhebliches Preis—
steigen, ja sogar eine allgemeine Angst vor unzureichender Produktion irotz ihrer Ver—
mehrung (wie 1899 — 1900 in Deutschland die fast nur imaginäre sogenannte Kohlen—
not), so geht die Mehrproduktion gar zu leicht und für die meisten unsichtbar in
UÜberproduktion über. Die Schätzung des wachsenden zukünftigen Bedarfs für
Konsumartikel ist vielleicht noch leichter, wird für die Produktionsmittel aber immer
schwer bleiben. Es handelt sich um den Bedarf künftiger Jahre. Für die Mehr—
produktion find Vorbereitungen von Jahren nötig. Häusig treten die neuen Geschäfte,
Verkehrsmittel, Banken erst in Aktion, wenn der Umschwung bereits eingesetzt hat.
Nur tastend, ausprobierend läßt sich das Ziel erreichen, den wechselnden und
wachsenden Bedarf richtig im voraus zu schätzen. Und nur sehr langsam läßt sich,
wenn man nach gewissen Seiten zu viel Kapital und Arbeit auf bestimmte Branchen
derwendet, die Korrektur vornehmen. Anders als durch Preiswechsel, Krise, Deprefsion
hindurch läßt sich die Anderung in der Verteilung der Produktivkräfte nicht vornehmen.
Gewiß find nun die Kapitalverluste und die Arbeitslofigkeit, wie sie die Krise
und die Stagnation charakterisieren, sehr zu beklagen, noch mehr vielleicht die moralischen
Mißbräuche, welche den Aufschwung gesteigert haben und in der Krise zu Tage treten.
Immer darf man aber eines nicht ganz übersehen. Wie in allem menschlichen Leben hat
der Wechsel auch seine guten Seiten. In der Hausse ist viel Bleibendes geschaffen
worden; fast alle Kreise sind wohlhabender, einzelne sehr reich geworden; die Löhne
find neuerdings meist erheblich gestiegen und sinken dann in der Depression nicht so stark,
wie fie vorher gestiegen sind. Die Krise merzt die unsoliden und schlecht geleiteten
Geschäfte vor allem aus: die Arbeitslosigkeit trifft hauptsächlich doch die schlechteren
Arbeiter. In der Hausse haben in erster Linie die Produktionsmittel- und die großen
Stapelindustrien zugenommen; jetzt in der Baisse nehmen alle möglichen mittleren und
kleineren, in der Hausse zurückgebliebenen Industrien, die liberalen Berufe, die Beamten
wieder etwas zu. Man finnt jetzt auf neue Absatzwege, auf Ersparnisse, sociale und
wirtschaftliche Verbesserungen; die Bevölkerung nimmt weniger rasch zu, die Auswande—
rung wird stärker, freilich auch die Sterblichkeit. In den Jahren 1842 -1852, 1878
bis 1888 ist in Deutschland der Grund zu vielen Reformen und Fortschritten gelegt
worden, an die in Hausfsezeiten niemand gedacht hätte. Ohne Not und besondere Au—
sttöße schläft die Gesellschaft ein.