Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

492 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [950 
älteren Krisen, wie die von 1857, rascher vorübergegangen; die neueren waren ohne so 
akute Zusammenbrüche, allerdings von einer längeren Depressionszeit begleitet. Weil keine 
starke Geld-und Kreditstockung 1882, 1890 —- 1891, 1900 —- 1901 so viel Bankerotte erzeugte 
wie 1857, 1847, 1825, so hielten sich viele Geschäfte und Häuser, ein Teil von ihnen fiel 
dann später. Es waren die faulen Geschäfte; daß die guten sich hielten, war ein Fort— 
schritt. Die Arbeitslosigkeit war in den 1830 er und 1840 er Jahren, dann wieder 1878 
bis 1879 in Europa viel größer als je seither. Es ist schon ein gewisser Fortschritt, 
wenn die akuten Krisen, die zu plötzlichen Preisänderungen wegfallen, wenn die 
Aufschwungsperiode in die Depression übergeht, ohne zu viele Existenzen plötzlich zu 
vernichten. Und das war seit den 1870er Jahren in steigendem Maße der Fall. Noch 
wichtiger ist der Fortschritt, wenn die Aufschwungsperiode den Boden des natürlichen 
gesunden Wachstums weniger verläßt. Auch das ist zu behaupten. 
244. Bekämpfung und Milderung der Krisen, Krisenpolititk. 
Die socialdemokratische Theorie verspricht, die heutige anarchische Planlosigkeit der Pro— 
duktion durch eine planvolle einheitliche Leitung zu ersetzen. Man hat ost gesagt, das 
wäre nur denkbar, wenn man auch die Freiheit des Konsums aufhebe. Der Einwurs 
ist theoretisch richtig, wiegt aber praktisch vielleicht doch nicht so schwer. Warum sollten 
nicht Lagerhäuser das ausgleichen können? Wichtiger scheint uns, daß eine nationale 
einheitliche Produktionsleitung heute schon lange nicht genügte, eine internationale aber 
so undenkbar ist wie die Verlegung der ganzen Aus- und Einfuhr in die Hände einer 
staatlichen Centralbehörde. Noch wichtiger ist für uns die Undenkbarkeit, fähige Central— 
und Lokalbehörden des socialistischen Staates zu bekommen, die mit weniger Irrtum 
die Zukunft, die nächsten Ernten, die Kapitalbeschaffung, den Bedarf an Konsumwaren, 
die Vorbereitung für vermehrte künftige Produktion, den Bedarf an Ausfuhrewaren 
schätzten, als die heutigen verantwortlichen Leiter des wirtschaftlichen Produktionsprozesses. 
Viel eher können wir uns denken, daß Berufskartelle, nationale Kartellvereinigungen, 
internationale Kartelle u. s. w. in der Zukunft einen steigenden Teil der Produklion 
und des Handels planvoll und einheitlich leiten könnten. 
Einen nicht minder kühnen Zukunftsplan als die Socialisten hat neuerdings 
May entworfen. Er sieht die Ursachen aller Wirtschaftskrisen in den zu hohen Preisen 
und zu hohen Unternehmergewinnen; die Hausse ist ihm ein Zeichen wachsender Pro⸗ 
duktivität der Arbeit; ihr entsprechend müßte man die Löhne und Gehälter erhöhen und 
die Verkaufspreise der Waren herabfsetzen. Das, meint er, wäre möglich, bei voller 
Freiheit der Produktion im übrigen, durch gesetzliche Beschränkung des Unternehmer— 
gewinnes auf etwa 7—80/0. Er hofft, so würden alle Überproduktion und alle Krisen 
vermieden. Die hohen Dividendenpapiere würden einmal im Kurse fallen. Alles übrige 
bliebe unverändert. Es würde zu weit führen, auf die großen Schwierigkeiten der 
Ausführung eines solchen Planes näher einzugehen. Er ruht auf der Unterkonsum— 
tionstheorie und der Annahme, daß starke Lohnerhöhungen jede Überproduktion hinderten. 
Uns will scheinen, der Plan würde durchgeführt nicht sicher sein Ziel erreichen, und er 
sei noch schwerer realifierbar, als die einheitliche socialistische Leitung aller Produktion. 
Mögen Ideologen immerhin nicht ohne gewissen Nutzen solche Zukunstspläne auf— 
stellen und erörtern; — der Socialismus ist der Traum von einer besseren und ge— 
rechteren Zukunft der Menschheit, den sie immer wieder mal zu träumen, durch die sie 
immer wieder ihre Hoffnungen zu beleben fortfahren wird. Realistische Praktiker und 
Belehrte aber bleiben besser auf dem Boden des Möglichen und des in nächster Zukunft 
Ausführbaren. Für sie handelt es sich in der Krifenfrage um dreierlei Möglichkeiten 
der Besserung: 1. wird man suchen müssen, die zukünftige Nachfrage auf Grund besserer 
Informationen richtiger zu erkennen, 2. wird man das heutige rücksichtslose Gewinn— 
streben wieder so weit zu bändigen suchen, daß es mit den öesamtinteressen und der 
gesunden Gesamtentwickelung in Einklang bleibt; und 8. wird man fur diese beiden 
Bestrebungen nicht bloß durch Ratschläge eintreten, sondern die entsprechenden wirt— 
schaftlichen und rechtlichen Einrichtungen schaffen müssen, die —X 
Produktion und Preise in der Zeit der Aufwärtsbewegung in den rechten Grenzen hälten.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.