Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

532 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —[1990 
liberal“, d. h. nach den natürlichen Gegenfätzen, die alles Staatsleben beherrschen. Man 
kann im Staate mehr das Bestehende verteidigen oder mehr an seiner Fortentwickelung 
arbeiten; man kann die Zusammenfassung und Synthefe der Kräfte zu einheitlicher 
Aktion oder ihre eigenartige Entwickelung und freie Bewegung für das Wichtigere halten. 
Man kann den Staat von oben und von unten her betrachten. Beide Tendenzen werden 
immer neben- und gegeneinander stehen; es muß im freien Staate stets Parteien beider 
Art geben; jede ist in gewissem Sinne gleichberechtigt, die erstere muß für alle großen 
Aktionen vorwiegen, die letztere in ruhigeren Zeiten, wo das Neue sich bildet, um Leben 
und Anerkennung ringt. 
Naturgemäß aber stehen nun hinter den abstrakten politischen Gesichtspunkten der 
Parteien nationale, kirchliche, sociale und wirtschaftliche Interessen, die sich mit den 
genannten beiden großen Tendenzen kombinieren und in dem Maße, als sie die rein 
politischen Gedanken und Ideale in den Hintergrund drängen und überflügeln, werden 
die Parteien einseitig, ja schädlich, so die Konservativen, wenn sie nur dem Großgrund— 
besfitz höhere Renten, die liberalen Unternehmer, wenn sie nur dem Geschäftsgewinn freie 
Bahn, die radikalen Arbeiter, wenn sie nur den unteren Klassen Besitz und Einkommen 
schaffen wollen. Der berechtigte politische Parteikampf kann so zum extremen Klassen— 
kampf, beim einseitigen Sieg einer Partei zur Klassenherrschaft werden. Das sind die 
GBefahren unseres Zeitalters. Man wird sagen können, das 19. Jahrhundert weise in 
den meisten Kulturstaaten eine Einschränkung der monarchischen Gewalt und der konser— 
oativen Kräfte, eine steigende Demokratisierung der Staatseinrichtungen, einen zunehmenden 
Einfluß erst des städtischen Bürgertums, dann der industriellen Arbeiter und der unteren 
Klaffen überhaupt auf. Und es sei für den einzelnen Staat die Frage, wie weit diese 
Demokratisierung gehe, wie weit die alten Mächte Widerstand leisteten, ob die Demo— 
kratisierung nicht mehr Klassenherrschaft, als früher vorhanden war, erzeuge, ob sie nicht 
bereits zu jenem Extrem gekommen sei, das einst in den antiken Staaten fast die Auf— 
ibsung des Staates resp. Fremdherrschaft und Militärdiktatur herbeigeführt habe. Wir 
dürfen aber hier bei diesen Fragen nicht verweilen; es war nur einleitend an diesen 
politischen Hintergrund unserer socialen Entwickelung zu erinnern. — 
Der beherrschende sociale Gegensatz unserer Zeit ist der zwischen den Unternehmern 
und den industriellen Arbeitern. Wir haben auf ihn schon öfter einzugehen gehabt 
(8 113- 147, 208 - 228), ihn auch zahlenmäßig schon zu sassen gesucht (S8 208 und 
230). Hier ist nur von dem inneren Wesen, der Psychologie der zwei Klaffen und ihrer 
Wechselwirkung an sich, von ihren Tendenzen und ihrer Stellung gegenüber den anderen 
Klassen zu sprechen. 
Die Welt der Unternehmer ist die modernste Form einer aktiv thätigen Aristo— 
kratie; sie rekrutiert fich aus den Talenten aller Klaffen, erhält ihren Stempel aber am 
meisten durch ihre Fähigkeit zu Spekulation, Handel, Geschästsorganisation. Energische 
Thatkraft, kaufmännische Bildung, zum Teil auch hohe technische Kenntnisse und Er— 
indungsgabe, Welt- und Menschenkenntnis, meist auch großer Besitz, charakterisieren 
diese Kreise. Der Unternehmer ist von Hause aus liberal, verlangt vor allem fur sich 
reie Bahn; stolz auf seine Leistungen, im Gefühle, an verantwortlichem Posten zu 
stehen, erfüllt von der großen Aufgabe, die moderne Volkswirtschaft zu organisieren, 
denkt er leicht von Ministern und Beamten, Offizieren und Gelehrten, Feudaladel und 
Bauern nicht allzu hoch; seine Arbeiter sieht er leicht nur als „Haͤnde“, als mechanische 
Gehülfen an. Er will von der Polizei, von Schußzgesetzen, von Arbeiterrücksichten in 
seinen Kombinationen nicht beschränkt sein. Er lebt in dem Gefühl, daß ihm die heutige 
Welt gehöre, daß er mit seinem Gelde wenn nicht alles, so doch sehr viel erreichen könne. 
Wenn man von Bourgeoifie spricht, so meint man die unschönen, harten, materialistischen 
Züge der Klasse, die Reigung zu rücksichts- und fkrupellofer Gewinnjagd, die Tendenz, 
Staatsmaschine, Parlament, Börse und Presse nur als Mittel des Geldmachens an— 
zusehen, event. zu erkaufen. Schon Burke sagt von den englischen Unternehmern seiner 
Zeit: das Hauptbuch ist ihre Bibel, die Boͤrse ihre Kirche, das Geld ihr Gott. In 
den einzelnen Ländern und Staaten macht freilich der so geartete Teil des Unternehmer—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.