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376 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1134
3. Die so geschilderten Cyklen des erst politischen, dann wirtschaftlichen Aufschwunges
und des daran sich knüpfenden späteren Niederganges umfassen stets mehrere Generationen,
oft Jahrhunderte, während die oben besprochenen, rein wirtschaftlichen Auf- und Nieder—
zangsbewegungen (88 2872 248) sich in Perioden von 5—215 Jahren wiederholen.
Beruhen die letzteren überwiegend auf Ungleichmäßigkeiten in den rein wirtschaftlichen
Prozessen der Produktion, des Absatzes, der Geld- und Kreditvorgänge, so liegt die
Ursache der ersteren viel tiefer. Sie beruhen auf dem inneren Zusammenhang aller
körperlichen und geistig-moralischen Seiten des gesellschaftlichen Lebens, auf der Wechsel⸗
wirkung zwischen beiden, auf irgend welchen wesentlichen, nicht sofort wieder ausgeglichenen
Disharmonien zwischen Körper und Geist, zwischen Bedürfnissen und Mitteln, zwischen
den sittlichen Kräften und dem Egoismus, zwischen Wissen und Charakter, zwischen
Gesellschaft und Staat, zwischen den oberen und unteren Klassen, zwischen den großen
Aufgaben einer neuen Zeit und den geistigen Kräften der Herrschenden oder der
Majoritäten.
Der Umfang und die Wirkung solcher Dissonanzen können aber nun sehr ver—⸗
schieden sein. Das Zusammentreffen äußerer Schicksalsschläge und innerer Niedergangs—
resp. Entartungsperioden kann Völker vernichten, die vielleicht ohne solchen Stoß sich
zrhalten hätten. Der sittliche und körperliche Niedergang kann stärker oder schwächer
iein, er kann sich mehr auf die oberen Schichten eines Volkes beschränken und dann mit
dem Aufsteigen der unteren und mittleren Schichten, mit politischen und socialen Reformen
zeheilt werden. Der Niedergang Deutschlands 1360 — 1640 hat den Aufstieg Preußens
1640 -1786 so wenig gehindert, wie eine gewisse Auflösung 1786—1806 die sittliche,
politische und wirtschaftliche Wiedergeburt Preußens und Deutschlands im 19. Jahr—
jundert ausschloß. Der große politische und volkswirtschaftliche Aufschwung Deutsch—
lands 1880 —1880 hat heute gewiß vielfach einem praktischen Materialismus, einer ge—
wissen politischen und gesetzgeberischen Unfähigkeit, häßlichen socialen Kämpfen und
schwieriger wirtschaftlicher Lage, auch manchen bedenklichen Entartungserscheinungen
Platz gemacht. Aber das wird einen neuen Aufschwung nicht hindern. Sobald die
Agemeine Stockung, der moralische und physische Niedergang nicht zu groß ist, wird
olch' kritische Zeit gerade oft zur Geburtshelferin neuer Aufschwungsperioden. England
hat gewiß 1880—1875 einen glänzenderen Aufschwung gehabt, als seither; ob die
heutigen Zustände aber nun Symptome des Alterns seien oder die Vorbereitung für
noch Größeres, ist schwer zu sagen; eher ist letzteres zu vermuten. Holland bot im
18. Jahrhundert das Bild einer alternden Volkswirtschaft, das hat neue Fortschritte
uind große Leistungen im 19. doch nicht gehindert.
In früheren Zeiten konnte der volle Zusammenbruch viel leichter eintreten, 1. wegen
der Kleinheit der meisten Staaten, 2. wegen der viel geringeren Festigung ihrer In—
ttitutionen und 3. wegen des fast fehlenden inneren Zusammenhanges, soweit sie bloße
Eroberungsreiche waren. Wo heute größeren Staaten und Volkswirtschaften dieser
zeistige und wirtschaftliche Zusammenhang fehlt, wie z. B. in der Türkei, in China, ist ein
Auseinanderfallen eher möglich, während die großen Nationalstaaten, und teilweise auch
die Weltreiche, die Vereinigten Staaten, Rußland, Großbritannien und seine Kolonien
eine so feste Kohäsion, einen so stark gefügten, politischen und wirtschaftlichen Organismus,
so starke Staatsgewalten haben, daß über sie entfernt nicht so leicht, wie einstmals über
die orientalischen Reiche, über Griechenland und Rom, über die arabisch-muhamedanischen
Reiche vernichtende Katastrophen hereinbrechen können. Und eben deshalb wird man
den heutigen Staaten und Volkswirtschaften eine ganz andere Langlebigkeit als jenen
zuschreiben können. Die meisten bergen immer wieder Kräfte der Regeneration in sich;
der „hartgebackene Kuchen“ der bestehenden Sitten und Gesetze wird durch unser heutiges
zeistiges Leben und unsere freieren Verfassungsformen immer wieder erweicht werden können.
.Die Voraussetzung der Langlebigkeit, der Regeneration nach Niedergangsperioden
ist freilich immer die sittliche Gesundheit oder Wiedergeburt des Volkes oder großer
ührender Teile desselben. Wir kommen damit zum letzten Punkte, über den wir ein
Wort zu sagen haben.