Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

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678 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1136 
bewältigt. Durch diese Kämpfe hindurch erklimmt er aber zugleich die höheren Stufen 
der sittlichen Kraft. 
Er erreicht diese höheren Stufen nur durch höhere Systeme der Religion und 
Moral, durch die Wirksamkeit der großen Propheten und Lehrer der Menschheit, durch 
Ausbildung immer feinerer und komplizierterer Verbindungen von Selbstbethätigung 
und Hingabe, von starken Ichimpulsen und Aufopferung. Und die immer komplizierleren 
Organisationen des Staates und der Volkswirtschaft, der Kirche und der Schule, des 
Vereins- und Korporationslebens, sie sind ja nur die äußere Projektion dieser inneren 
Vorgänge und Verbindungen. Ein erschöpfendes Bild dieser geistigen und sittlichen Ent⸗ 
wickelungsgeschichte und ihres Zusammenhanges mit den Institultionen ist heute wohl 
überhaupt kaum zu geben. Es ist jedenfalls nicht unseres Amtes, einen Versuch dieser 
Art hier zu machen. Wenn es später mal eine psychologische, geistige und moralische 
Geschichte der Menschheit geben wird, so wird sie auch fur die historische Entwickelung 
der Volkswirtschaft eine der wesentlichen Grundlagen bilden. 
Nur mit dem einen kurzen Ausblick auf die pfychologisch-moralische Grund— 
frage der neueren Volkswirtschaft wollen wir schließen. Erst die neuere wirtschaftliche Kultur, 
hauptsächlich die Geldwirtschaft hat in Zusammenhang mit dem geistigen und politischen 
Leben der klassischen und neueren Staaten den heutigen Erwerbstrieb geschaffen. Er 
ist nur ein anderer Ausdruck für die Ausbildung der Individualitäl; durch ihn 
vollzieht der moderne Mensch eine Ichbejahung, die die älteren Epochen durch koͤrper— 
liche Stärke, Waffenthaten, Gewaltakte vollzogen. Ohne solch' moderne Individualität, 
»hne Erwerbstrieb, ohne eine Ichbejahung in diesem Sinne gäbe es die heutige 
geistige und politische Kultur, gäbe es unsere Großstaaten und Volkswirtschaften, gäbe 
es auch viele unserer großen Persönlichkeiten nicht. Aber die Kehrseite dieser Entwickelung 
ist der habfüchtige Wuchergeist, die sociale Hartherzigkeit, die Durchsetzung unseres 
gesellschaftlichen und politischen Lebens mit Lastern aller Art, mit socialen Kämpfen, 
—— Fehler zu bekämpfen, 
zu mildern. Das Christentum ist das größte Glied in der Kette dieser Bestrebungen. 
Immer wieder hofften wir das Ziel zu erreichen, immer wieder sank die Menschheit 
zurück, weil die Aufgaben und die Versuchungen zunächst noch größer wurden, weil die 
Geldwirtschaft ihre letzte Ausbildung noch nicht erreicht hatte. Aber das schließt nicht 
aus, daß wir einstens — nicht den Erwerbstrieb — aber die Habsucht in allen führenden 
höherstehenden Menschen so gut ausrotten werden, wie wir die Brutalitäten der körper— 
lichen Gewaltmenschen ausgerottet haben. Auch dazu brauchte es Jahrtausende. Es wird 
die Zeit kommen, da alle guten und normal entwickelten Menschen einen anständigen 
Erwerbstrieb und das Streben nach Individualität, Selbstbehauptung, Ichbejahung 
verstehen werden zu verbinden mit vollendeter Gerechtigkeit und höchstem Gemeinfinn. 
Hoffentlich ist der Weg dazu nicht so lang wie der war, der von den Brutalitäten der 
törperlichen Kraftmenschen zum heutigen Kulturmenschen führte
	        
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