330 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
herrschaft zu befestigen, sich unter Aufzeichnung der Geschlechtsregister einheitlich organi—
sierte, die Abstammung aller seiner Glieder von einem Stammvater lehrte, die priester—
lichen Satzungen definitiv fixierte. Ahnlich wird es anderwärts, in Agypten, Indien,
Mexiko und Peru gegangen sein, während bei den Griechen und Römern das Priester—
tum mehr als Nebenwürde des weltlichen Adels erscheint, bei den Kelten die Herrschaft
der Druiden durch die römische Eroberung gebrochen wird, bei Slaven und Germanen
eine abschließende Sonderbildung der Priester noch nicht vollzogen war, als das Christen—
tum eindrang. Die christliche Kirche des Mittelalters ruht auf einer internationalen
Priesterzunft, die zwölf Jahrhunderte lang an der Spitze der europäischen Menschheit steht.
Die ganze Entwickelung ist in ihrem Höhepunkte ebenso sehr Ständebildung wie
Arbeitsteilung, aber ihre Kraft ruht ausschließlich auf der speciellen Ausbildung der
sittlichen und geistigen Kräfte bei den Zauberern und Priestern und den hiedurch ihnen
allein möglichen Leistungen. Kein späterer Schritt der Arbeitsteilung und Ständebildung
hat tiefer eingegriffen als dieser: die Geisterfurcht des Naturmenschen und das unklare
Befühl der Abhängigkeit von den dahingegangenen Geschlechtern wird das große
Instrument, die Millionen für Jahrhunderte und Jahrtausende in eine fast stlavische
Abhängigkeit von einer kleinen Priesterschar zu bringen; die Erfüllung der endlosen,
alles Leben auf Schritt und Tritt begleitenden, teilweise tiefsinnigen und wohldurch—
dachten, teilweise aber auch sinnlosen Kulthandlungen wird eine psfychische und wirtschafi—
liche Last, die auf die Individuen und die Gesellschaft mit nie ruhender Qual drückt.
Ein Drittel und mehr alles Bodenertrages und aller Arbeitskraft nimmt die Priester—
aristokratie und der Kult in den alten Priesterstaaten und im Mittelalter in Anspruch,
als Gegengabe geistigen Trost spendend und auf das Leben im Jenseits verweisend.
Furchtbare Mißbräuche, roher Betrug, gemeine Übervorteilung knüpfen sich da und dort
an die Priesterherrschaft, zumal in ihren späteren Stadien. Aber sie war, besonders in
ihrer ersten Hälfte, doch für alle Kulturvölker die Bedingung ihrer Erhebung; nicht
umsonst sind Jahrhunderte lang die Priesterstaaten die Träger des Fortschrittes, die
reichsten und gebildetsten Gemeinwesen. Die Arbeitsteilung, die in ihnen staitfand, war
eben in der Hauptsache doch nichts anderes als ein Sieg der edleren und klügeren
Elemente über die rohe Kraft der Masse. Das Vertrauen der großen Menge auf die
scheinbar übernatürliche Kräfte besitzenden Priester bezeichnet H. Spencer als unentbehr—
liches Hülfsmittel des gesellschaftlichen Zusammenfaffens der Kräfte auf primitiver
Kulturstufe.
Indem die Priester mit Orakeln, Kultvorschriften und Gesetzen die Menge bändigten
und ordneten, schoben sie allmählich in die rohen Vorstellungen über Befriedigung der
Toten und der Geister die sittlichen Gebote eines höheren socialen Daseins ein. Aus
der Vorstellung, daß Opfer, Fasten und Geschenke die Götter beschwichtigen, wurde die
edlere, daß die Zauberformel des heiligen Wortes und das Gebet die Hauptsache sei;
aus der Vorstellung, daß gerecht sei, wer viel Kühe den Priestern darbringe, wurde die
edlere, daß gerecht sei, wer seine Eltern ehre, nicht stehle, nicht lüge, nicht ehebreche,
den Witwen und Waisen beistehe. Die Priester waren für unendlich lange Zeiträume
die Pfadfinder und Bahnbrecher auf den Wegen der socialen Zucht und der steigenden
sittlichen Erkenntnis, des Tempel- und Hausbaues, der Zeit- und Kalenderbestimmung,
der Schriftkunde und unzähliger anderer Fortschritte. Sie waren für Jahrhunderte die
politischen und wirtschaftlichen Organisatoren, die ersten Sammler großer Schätze, die
ersten Bankiers, die ersten Techniker und Leiter großer gemeinnüßiger Wafser- und
Strombauten.
Die Priester lebten ursprünglich von Bettel, Geschenk und Gaben, teilweise blieben
sie auch Hauswirte und Ackerbauer; bald aber waren sie, wie erwähnt, mit Vermögen
und Einkommen aller Art ausgestattet. Sie vereinigten in älterer Zeit alle höhere
geistige Bildung, sie sind zu gleicher Zeit die ÄArzte, die Kenner des Rechles, die Jugend⸗
rzieher und Lehrer; sie sind Astronomen, alle feinere Kunst und Technik liegt in ihren
Händen. Auf dem Höhepunkte ihrer Herrschaft haben sie sich selbst in eine Hierarchie
höherer und niederer, arbeitsgeteilter Berufe uͤnd Beschäftigungen geschieden. Die