Induktion und Enumeration,
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gilt es zunächst den Umfang des einen Begriffs durch eine voll-
ständige Einteilung in seine Unterarten auszumessen und zu er-
schöpfen. Will man etwa beweisen, dass die „vernünftige Seele“
nicht körperlich ist, so wird es genügen, die Körper in bestimmte
Klassen einzuteilen und von jeder dieser Klassen einzeln den ver-
langten Beweis zu führen; will man zeigen, dass der Inhalt des
Kreises ein Maximum unter allen Figuren mit gleichem Umfang
ist, so wird man nicht alle Einzelfälle und alle möglichen ver-
schiedenen Gestalten gesondert zu betrachten brauchen, sondern
sich mit bestimmten Hauptfällen begnügen und das Ergebnis so-
dann durch „Induktion“ verallgemeinern.5) In diesem Beispiel
ıst das neue Verfahren auf ein Gebiet bezogen, das an und für
sich als das Muster rein deduktiver Zusammenhänge gilt. In
der Tat ist die „Enumeration‘“ nichts anderes, als ein Vorstadium
der Deduktion; als ein Mittel, Probleme, die zunächst nicht in
ihrer notwendigen Verknüpfung erkannt sind, der deduktiven
Behandlung zuzuführen und zugänglich zu machen.*) Nicht
darauf kommt es an, alle Arten eines Begriffs zu durchlaufen.
sondern die typischen Fälle herauszugreifen,'d. h. alle diejeni-
gen, von denen wir gewiss sind, dass sie die entscheidenden, für
las Ergebnis wahrhaft bestimmenden Momente in sich enthalten.
Die Entscheidung darüber, welche Fälle als tiypisch zu gelten
haben aber kommt, wie wir sahen, der vorangehenden gedank-
lichen Analyse zu. Daher hängt auch der Erkenntniswert,
len wir einem bestimmten Experiment znsprechen, nicht sowohl
Javon ab, wie häufig wir es mit gleichem Erfolg wiederholen
konnten, sondern davon, ob wir sicher sind, in ihm alle fremden
Nebenumstände ausgeschaltet und nur die wesentlichen Grundbe-
lingungen erfasst und selbständig herausgestellt zu haben. So
durchdringen sich in der echten „Erfahrung“ der deduktive und
induktive Faktor wechselseitig: beide bilden nur verschiedene
Seiten der an sich einheitlichen „Methode*.
Allgemein baut der Gedanke, ehe er an das Einzelne her-
antritt, sich zuvor eine „mögliche Welt“ auf, die er aus den
reinen Materialien der Mathematik erzeugt. Von der bestimmten
konkreten Wirklichkeit wird anfangs abgesehen, um nur auf
diejenigen allgemeinen Gesetze zu achten, die aus den eingeborenen
(deen unseres Geistes fliessen und denen wir notwendig so uni-