Object: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Induktion und Enumeration, 
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gilt es zunächst den Umfang des einen Begriffs durch eine voll- 
ständige Einteilung in seine Unterarten auszumessen und zu er- 
schöpfen. Will man etwa beweisen, dass die „vernünftige Seele“ 
nicht körperlich ist, so wird es genügen, die Körper in bestimmte 
Klassen einzuteilen und von jeder dieser Klassen einzeln den ver- 
langten Beweis zu führen; will man zeigen, dass der Inhalt des 
Kreises ein Maximum unter allen Figuren mit gleichem Umfang 
ist, so wird man nicht alle Einzelfälle und alle möglichen ver- 
schiedenen Gestalten gesondert zu betrachten brauchen, sondern 
sich mit bestimmten Hauptfällen begnügen und das Ergebnis so- 
dann durch „Induktion“ verallgemeinern.5) In diesem Beispiel 
ıst das neue Verfahren auf ein Gebiet bezogen, das an und für 
sich als das Muster rein deduktiver Zusammenhänge gilt. In 
der Tat ist die „Enumeration‘“ nichts anderes, als ein Vorstadium 
der Deduktion; als ein Mittel, Probleme, die zunächst nicht in 
ihrer notwendigen Verknüpfung erkannt sind, der deduktiven 
Behandlung zuzuführen und zugänglich zu machen.*) Nicht 
darauf kommt es an, alle Arten eines Begriffs zu durchlaufen. 
sondern die typischen Fälle herauszugreifen,'d. h. alle diejeni- 
gen, von denen wir gewiss sind, dass sie die entscheidenden, für 
las Ergebnis wahrhaft bestimmenden Momente in sich enthalten. 
Die Entscheidung darüber, welche Fälle als tiypisch zu gelten 
haben aber kommt, wie wir sahen, der vorangehenden gedank- 
lichen Analyse zu. Daher hängt auch der Erkenntniswert, 
len wir einem bestimmten Experiment znsprechen, nicht sowohl 
Javon ab, wie häufig wir es mit gleichem Erfolg wiederholen 
konnten, sondern davon, ob wir sicher sind, in ihm alle fremden 
Nebenumstände ausgeschaltet und nur die wesentlichen Grundbe- 
lingungen erfasst und selbständig herausgestellt zu haben. So 
durchdringen sich in der echten „Erfahrung“ der deduktive und 
induktive Faktor wechselseitig: beide bilden nur verschiedene 
Seiten der an sich einheitlichen „Methode*. 
Allgemein baut der Gedanke, ehe er an das Einzelne her- 
antritt, sich zuvor eine „mögliche Welt“ auf, die er aus den 
reinen Materialien der Mathematik erzeugt. Von der bestimmten 
konkreten Wirklichkeit wird anfangs abgesehen, um nur auf 
diejenigen allgemeinen Gesetze zu achten, die aus den eingeborenen 
(deen unseres Geistes fliessen und denen wir notwendig so uni-
	        
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