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Zweites Buch, Cap. 4.
Industrieproducten trieb zum Import von Korn und es war
Veranlassung gegeben, im Inland den Körnerbau einzu-
schränken und die Viehzucht, die weniger Arbeitskräfte braucht
und durch grossen Betrieb begünstigt wird, auszudehnen.
Des alten grundbesitzenden Adels selbst bemächtigte sich
etwas von dem speculirenden Geiste des Capitals, wie sich
dies namentlich in der praktischen Auslegung der Malthus’-
schen Lehren und in dem Verlangen nach Kornzöllen zeigt.
Es ist unmöglich, die Verminderung der Zahl der Grund-
besitzer und die Einschränkung des Körnerbaus 1750—1832
statistisch nachzuweisen. Nur die Thatsache, dass überhaupt
das Zahlenverhältniss zwischen Ackerbauern und Industriellen
sich änderte, ist statistisch beweisbar und es steht im Allge-
meinen durch zahlreiche Zeugnisse fest, dass überhaupt ein
Abfluthen kleiner selbständiger Landwirthe in die Reihen des
städtischen Proletariats stattfand.
Unter dem Einfluss dieser Verhältnisse verwandelte sich
der ländliche Arbeiter in einen Proletarier, der , unter der
Herrschaft des Pächter- Capitalisten stehend, in Bezug auf
materielles und moralisches Elend dem Fabrikarbeiter viel-
fach gleichkam. Ein Bild davon, wie diese Verhältnisse auf
dem platten Lande sich in trauriger Aehnlichkeit mit denen
der Fabrikstädte schliesslich gestalteten, giebt ein Bericht aus
dem Jahre 18439).
Die Löhne der landwirthschaftlichen Arbeiter waren im
Allgemeinen so niedrig, dass Frauen und Kinder mit erwerben
mussten, Die Feldarbeit bietet zwar für Frauen keine besondere
Schädlichkeit, ist vielmehr in mässigem Umfang ganz wünschens-
werth. Aber die starke Anspannung der Kinder zur Arbeit
machte Schulbesuch derselben unmöglich, und mit der gewerbs-
mässigen unentbehrlichen Feldarbeit der Frauen und Kinder
verkamen die Wohnungsverhältnisse der Feldarbeiter.. Auch
hier kam es vor, dass zahlreiche Personen verschiedenen Ge-
schlechts in denselben Zimmern und Betten schliefen ®. In
a 1) Report of special assistant Poor-Law-Commissioners on the em-
ployment of Women and Children in Agriculture.
Z a, a. O0. S. 149. 158.