12, 2. Politik der auswärtigen Angelegenheiten. 655
zion und die Staatsweisheit, welche Napoleon während seiner bessern Periode
bethätigte, ehe er vom Schwindel des Absolutismus und der Eroberungssucht
ganz verblendet war. Achtung für ein biederes und tapferes Volk und die Sym—
pathie für Aristokraten besseren Schlages liegt der Vermittelungsurkunde zum
Grunde. Aber später mußte auch die Schweiz sich vor dem Vermittler vielfach
beugen und gewärtigen, daß er seinen Drohungen, ihre Existenz zu vernichten,
Folge geben werde. Immerhin hat diese Mediation die freisinnigen Institu⸗
jonen und die politische Erziehung der Schweizer im Ganzen gesördert. Die
in schonender Weise in den Jahren 1814 und 1815 von den Alliirten geübte
Intervention hat zwar die politische Rechtsgleichheit beschränkt, aber im Gan—
zen doch eine billige Transaction zwischen den Ansprüchen des geschichtlichen
Rechtes und den neuen Institutionen bewerkstelligt und der schweizerischen Eid⸗
genossenschaft die von Napoleon ihr entrissenen Kantone wiedergegeben und sie
zurch eine militärische Grenze und Garantie ihrer Neutralität in den Stand ge⸗
setzt, ihre Selbstständigkeit zu behaupten und ein Selbstgefühl hervorgerufen,
welches nicht immer frei geblieben ist von Selbstüberhebung, Undankbarkeit
und Mißkennung der internationalen Pflichten.
812. England und seine Politik.
Wir fassen uns kurz, da es seit langem am Tage liegt, daß die Gewalt⸗
haber in England durch keine völkerrechtlichen Grundfätze, die sie gelegent⸗
lich als Vorwände benutzen, sich bestimmen lassen, sondern einzig das Interesse
und den Egoismus Englands berücksichtigen, eine Politik, welche jedes aufrich⸗
cige Bündniß unmöglich macht; ebenso liegt am Tage, daß Englands Seeherr⸗
schaft durch die Umwandlung der Segelschifffahrt in die Dampfschifffahrt und
durch die Entwickelung der amerikanischen und der französischen Marine gebro—
chen ist, daß sein Hochmuth und seine Drohungen seltsam contrastiren mit der
reellen Ohnmacht, die eine Folge ist des Materialismus, seiner vielfachen In—
teressen, in welchen es überall verwundbar ist, und der Nothwendigkeit einen
Kriegszustand zu vermeiden, durch welchen seine Industrie gestört und die Mil—
lionen Proletarier verdienstlos werden können. Nur um dem Vorwurfe zu be⸗
gegnen, daß wir aus Unachtsamkeit eine Lücke lassen, haben wir die vor aller
Welt offen daliegende Politik Englands berührt, indem wir übrigens das viele
Treffliche, was in seinen Institutionen liegt, die Preßfreiheit, die Jury, das
sSelsgovernment, den Einfluß einer gemäßigten Aristokratie, die persönliche Bra⸗
oour, die religiöse Gesinnung, den Privatcharakter und das Familienleben, und
die geistigen Bestrebungen der Nation in ihrem vollen Werthe anerkennen und
hoch achten und uns getrösten, daß die Erkenntniß der jetzigen politischen Lage
uͤnd ihrer Ursachen, und der Sieg der wahren Nationalinteressen über das