Full text : Handbuch der praktischen Politik (Bd. 2)

Materielle Politik.
ken, daß Napoleon seine Eroberungskriege als Erbe der Revolution und ihrer
Grundsätze, so weit sie der imperialistischen Demokratie, der Rechtsgleichheit
unter einem Militärdespoten und dem Egoismus der mit Feudallasten beschwer⸗
ten Classen schmeichelten, geführt hatte, daß die Revolution ihrem Wesen nach
alle Geschichte verläugnet und in Frankreich eine Militärdespotie erzeugt hatte,
welche die Selbstständigkeit aller andern Staaten und Völker mit Füßen trat,
und gegen welche man die restaurirte Legitimität als Garantie octroyirt hatte;
auch darf nicht ignorirt werden, daß überall die verdrängten Werkzeuge des
Imperialismus und die Intriguen der mit Geldmitteln reichlich versehenen Na—
poleoniden das System des wiener Congresses und die von demselben sanctio⸗
nirten Verhältnisse und Institutionen unterwühlten, daß diese erneuerten sub—
versiven Bestrebungen theils förmlich, theils durch Sympathie verbündet waren
und das ganze System der in Europa bestehenden Ordnung befehdeten. Es ist
daher kein Wunder, wenn die Mächte, die dieses System und die Grundsätze
desselben sanctionirt hatten, sich als solidarisch betrachteten und jede Bewegung,
welche gegen dieselben gerichtet war, als einen Angriff auf die ganze Ordnung
betrachteten. Die s. g. constitutionelle Theorie und die Prätensionen der parla—
mentarischen Regierung konnten vom Standpunkte der Legitimitäts-Mächte um
so weniger gelten, als genugsame Erfahrungen bewiesen hatten, daß diese For⸗
men nicht vermögend seien, die Ochlokratie und Anarchie oder die usurpirte Mi—
litärherrschaft zu bewältigen. Endlich wird die Wahrheitsliebe anerkennen
müssen, daß die Politik der h. Allianz den Bevölkerungen Europa's einen lang⸗
jährigen Friedenszustand gesichert hat, unter dessen Schutze der materielle Wohl⸗
stand und der intellectuelle Fortschritt mächtig gefördert wurde.
3) Frägt sich, ob eine Intervention zu dem Zwecke gerechtfertigt sei, einem
Bürgerkriege oder dem Blutvergießen oder den dadurch veranlaßten Störungen
des Verkehres ein Ende zu machen. Die Antwort ist oben 57 enthalten.
Zum Schlusse müssen wir noch der Einmischungen gedenken, welche die
Schweiz seit 1798 erfahren hat. Daß die Invasion durch französische Truppen
and die von Paris dictirte helvetische Freiheit nebst der Einäscherung von
Stanzstad, der Plünderung unserer Staatskassen und Arsenale und einer mehr—⸗
jährigen Ochlokratie und Schreckensherrschaft, vermöge der proclamirten Grund—
sätze wirkliche Uebelstände beseitigt hat, wollen wir nicht bestreiten, obgleich die—
ses nicht das Motiv oder der Zweck der Invasion war. Respectabler ist die Me—
diation Napoleons im Jahr 1803. Zwar mußte dieselbe mit dem Verluste eines
bedeutenden Theils des Schweizergebietes und der politischen Selbstständigkeit
bezahlt werden. Aber in der Verfassung, wie sie von einem Ausschusse der nach
Paris berufenen Consulta unter Mitwirkung einsichtsvoller französischer Staats—
männer unter den Auspicien des Ersten Consuls octroyirt wurde, spiegelt sich
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