Full text: Werke und Schriften bis Anfang 1844 (1,2.1930)

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Abiturientenarbeiten (2) 1835 Aug. 10—16 
EN Be NE 
2. Sieben Abiturientenarbeiten von Marx. 
Trier 1835 August 10—16 
Originale: Friedrichs-Wilhelms-Gymnasium zu Trier 
[Deutscher Aufsatz] 
Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl 
eines Berufes 
Dem Thiere hat die Natur selber den Wirkungskreis bestimmt, in wel- 
:hem es sich bewegen soll, und ruhig vollendet es denselben, ohne über 
ihn hinauszustreben, ohne auch nur einen anderen zu ahnen. Auch dem 
Menschen gab die Gottheit ein allgemeines Ziel, die Menschheit und sich 
zu veredlen, aber sie überließ es ihm selber, die Mittel aufzusuchen, 
durch welche er es erringen kann; sie überließ es ihm, den Standpunkt 
in der Gesellschaft zu wählen, der ihm am angemessensten ist, von 
welchem aus er sich und die Gesellschaft am besten erheben kann. 
Diese Wahl. ist ein großes Vorrecht vor den übrigen Wesen der z 
Schöpfung, aber zugleich eine That, die sein ganzes Leben zu vernichten, 
alle seine Pläne zu vereiteln, ihn unglücklich zu machen vermag. Diese 
Wahl ernst zu erwägen, ist also gewiß die erste Pflicht des Jünglings, 
der seine Laufbahn beginnt, der nicht dem Zufall seine wichtigsten 
Angelegenheiten überlassen will. - 
Teder hat ein Ziel, ein Ziel!), das ihm wenigstens groß scheint, vor 
Augen, das auch groß ist, wenn die tiefste Überzeugung, die innerste 
Stimme des Herzens es so nennt, denn die Gottheit läßt den Irdischen nie 
ganz ohne Führer; sie spricht leise, aber sicher. 
Leicht aber wird diese Stimme übertäubt, und, was wir für Begeisterung 25 
gehalten, kann der Augenblick erzeugt haben, wird der Augenblick viel- 
leicht auch wieder vernichten. Unsere Phantasie ist vielleicht entflammt, 
unser Gefühl erregt, Scheinbilder gaukeln um unser Auge, und begierig 
stürzen wir zu dem Ziele, von dem wir wähnen, die Gottheit selbst habe es 
uns gezeigt; aber, was wir glühend an unseren Busen gedrückt, stößt uns 20 
bald zurück, und unsre ganze Existenz sehn wir vernichtet. 
Wir müssen daher ernst prüfen, ob wir wirklich für einen Beruf be- 
geistert sind, ob eine Stimme von Innen ihn billigt, oder ob die Begeiste- 
rung Täuschung, das, was wir für einen Ruf der Gottheit gehalten, Selbst- 
betrug gewesen ist. Wie aber vermögen wir dieses zu erkennen, als wenn 25 
wir der Quelle der Begeisterung selbst nachspüren? 
Das Große glänzt, der Glanz erregt Ehrgeitz, und der Ehrgeitz kann 
leicht die Begeisterung oder, was wir dafür gehalten, hervorgerufen 
AM} 
1) ein Ziel gestrichen.
	        
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