Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Fünftes Buch. Drittes Kapitel. 
Ausgleichung von Wirtschaftsbedürfnis und Wirtschaftsgenuß 
fast ganz selbständig und ohne Dazwischentreten einer fremden 
Vermittlung von Händler und Kaufmann: wessen der Herr in 
seinem schon starke Lebensbedürfnisse aufweisenden Verbrauche 
bedurfte, vor allem das Quantum der Lebensmittel, die in 
seinem zum kleinen Hofe anwachsenden Hause von zahlreichem 
Gefolge verzehrt wurden, das erzeugte er selbst. Aber ging diese 
Erzeugung noch im engen Bereiche des Hauses vor sich? Eine 
einzige große wirtschaftliche Organisation umspannte die An—⸗ 
zehörigen der Grundherrschaft, wo sie auch hausen und was sie 
auch treiben mochten: ob im Ackerbau thätig sein oder im Weid⸗ 
werk, oder im gewerblichen Hausfleiß. Und diese Organisation 
konnte unter Umständen schon gewaltige Ausmessungen erreichen: 
welch eingehendes Bild einer das ganze Reich durchziehenden 
grundherrschaftlichen Verwaltung des königliches Besitzes, der 
reichsten und größesten freilich aller Grundherrschaften, vermittelt 
nicht das Capitulare de villis aus der späteren Zeit Karls des 
Großen! Indem nun aber so, wenn auch noch innerhalb des 
Rahmens der alten Hauswirtschaft mit dem geschlossenen, sich 
selbst genügenden Charakter ihres Wirtschaftslebens, Organi— 
sationen von solcher Ausdehnung und Intensität auftraten, be— 
durfte es zur Bewältigung der Spannungen, die sich hier schon 
zwischen die wirtschaftlichen Bedürfnisse und Anforderungen 
und deren Erfüllung stellten, der Entwicklung von bisher völlig 
ungewohnten Summen wirtschaftlicher Überlegung und Energie: 
oon Summen, wie sie schließlich nur durch eine dem Grund— 
herrn unterstellte, wenn auch noch so primitive Wirtschafts⸗ 
verwaltung völlig aufgebracht werden konnten. 
Eine ganz neue Erscheinung trat damit im Wirtschafts⸗ 
leben auf. Und nicht bloß im Wirtschaftsleben. Es versteht 
sich, daß aus den Personen der neuen Verwaltung auch neue 
soziale Bildungen hervorgehen mußten: es ist der Ursprung 
der Ministerialität, aus deren Reihen sich dann später wiederum 
vornehmlich der niedere Adel gebildet hat. Und nicht bloß im 
sozialen Leben. Noch viel wichtiger ist, daß durch diesen Ent— 
wicklungsvorgang zunächst die voluntaristische und die in—
	        
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