138 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.
messe warf sich Heinrich dem Bruder thränenreich zu Füßen,
und Otto hob ihn mitleidig empor zum königlichen Kusse.
König Otto hatte in dem Kampfe um die absolute Herr—
schaft innerhalb seiner Familie gesiegt: ohne Ausnahme galt
jetzt seine einzigartige Stellung innerhalb des königlichen Ge—
schlechtes; das gemeine Familienrecht war durchbrochen, die An—
fänge eines besondern Hausrechtes, ja einer zu erhoffenden
königlichen Erbfolgeordnung ins Werk gesetzt.
Nicht minder hatte Otto über das Sondertum der Stämme
gesiegt. Baiern und Lothringer waren unterworfen, die Schwaben
hatten sich schließlich auf die königliche Seite geschlagen. Die
Frage nach Gleichstellung und Wettbewerb der Franken und
Sachsen untereinander ward beseitigt, indem der König, wie er
Herzog von Sachsen war, so gleichzeitig unter Beseitigung des
alten Herzogshauses als fränkischer Herzog auftrat. Indem
damit die alte Verzweigung des fränkischen Hauses durch alle
Stämme hinwegfiel, die König Heinrich begünstigt hatte oder
wenigstens hatte dulden müssen, gewann König Otto Raum,
an ihre Stelle den sächsischen Einfluß des eigenen Hauses zu
entwickeln.
In Lothringen setzte der König längere Zeit nach Herzog
Giselberts Tode den fränkischen Grafen Konrad, den Ahnherrn
des salischen Kaiserhauses, als Herzog ein und gab ihm im
Jahre 947 seine Tochter Liutgard zur Gemahlin. In Baiern
starb im Jahre 947 Herzog Berhtold. Nachfolger und bald
rechte Hand des Königs in allen Reichsgeschäften ward Ottos
Bruder Heinrich; er war verheiratet mit Judith, einer Tochter
des früheren Herzogs Arnulf. In Schwaben endlich herrschte
noch länger der königstreue Herzog Hermann, doch alt und ge—
brechlich; mit seiner einzigen Tochter Ida vermählte Otto im
Jahre 947 oder 948 seinen erstgeborenen Sohn Liudolf, den er
schon vorher, kurz nach dem Tode seiner Gemahlin Eadgyd,
unter Zustimmung der Großen als seinen Nachfolger bezeichnet
hatte; es war klar, daß Liudolf dereinst als König neben Sachsen
und Franken auch Schwaben unmittelbar beherrschen würde.
So nutzte der König seinen Sieg sofort zur umfassendsten