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Zweiter Teil. Handel. IX. Märkte und Messen.
der heutige Sprachgebrauch unter Iahrmarktware meist schlechte Ware versteht, und
wie sehr gerade diejenigen, die für wahre Volksfeste Sinn haben, die Iahrmarkts-
lustbarkeiten unerfreulich finden. — Von den Messen weiß schon Turgot, daß ihre
Größe durchaus kein Zeichen blühenden Verkehrs ist, vielmehr in Staaten gefunden
wird, „deren Handel gefesselt, mit Abgaben überlastet und darum mittelmäßig".
Auf hoher Kulturstufe ist die Rechtssicherheit groß genug, um Waren auch ohne
persönliche Begleitung zu versenden. Die Vervollkommnung des Brief- und Zeitungs
verkehrs macht Auswahl und Absatz möglich, auch ohne die zeit- und kostspieligen
Meßreisen. Ganz vornehmlich aber kann das Institut der Handlungsreisenden
Produzent und Kaufmann viel rascher und weniger unterbrochen mit den Kon
sumenten in Fühlung erhalten, als bei den flüchtigen Meßbesuchen der Fall wäre.
Städte wie London oder Paris sind gleichsam permanente Meßplätze. Am längsten
haben die Messen ihre mittelalterliche Bedeutung selbst auf übrigens hoher Kultur
stufe da behalten, wo ein natürliches Handelsgebiet durch Zollgrenzen rc. zerrissen
war. Doch haben sie auch hier seit längerer Zeit mehr und mehr den Charakter
von Gewerbeausstellungen und Musterlagern angenommen. Das Bestellen für die
Zukunft und das Abrechnen für die Vergangenheit überwiegt immer mehr das
eigentliche Kaufen in der Gegenwart, wie sich dies namentlich in typischer Weise
bei den Leipziger Buchhandelsmessen gezeigt hat.
Eine Ausnahme von der Regel sind die S p e z i a l m ä r k t e für einzelne
Waren, zumal Rohstoffe, die gerade neuerdings in vielen, selbst hochkultivierten
Ländern errichtet und gediehen sind. Am meisten empfehlen sie sich für Landes
produkte, welche von vielen kleinen Produzenten hervorgebracht werden, namentlich
wenn diese Hervorbringung an bestimmte Jahreszeiten gebunden ist. Hier kann
der Markt ein Mittel fein, der Hausindustrie oder Bauernwirtschaft die Vorteile des
Großbetriebes zu verschaffen: bessere Übersicht von Bedarf und Vorrat, eben darum
größere Zuverlässigkeit, Planmäßigkeit und Arbeitsteilung, Emanzipation der Käufer
und Verkäufer von wucherlichen Zwischenhänden, Verbindung mit dem Welthandel,
welcher sonst die zerstreuten Kleinbetriebe nicht aufsuchen würde.
3. Der Breslauer Wollmarkt und die Firma Eichborn & Co.
Von Kurt v. Eichborn.
Moriz-Eichborn, Das Soll und Haben von Eichborn & Co. in 175 Jahren. Ein
schlesischer Beitrag zur vaterländischen Wirtschaftsgeschichte. Breslau, Wilh. Gottl. Korn, 1903.
S. 302—308.
Die Rolle, welche der Firma Eichborn & Co. in Breslau, die als älteste Privat
bankfirma Schlesiens wie zugleich des ganzen Ostens der preußischen Monarchie im
Jahre 1903 auf ein 175 jähriges Bestehen zurückblicken konnte, in der Finanzierung
der Geschäfte der ehemals in langem Zeitlaufe weltberühmten Breslauer Wollmärkte
zugefallen ist, ist ebenso bedeutend wie vielseitig und ausgedehnt gewesen; denn die
Firma wurde nicht nur als Bankier und Kommissionär, sondern bis zur Erbauung
der Eisenbahnen auch als Spediteur von den Wollinterefsenten in Anspruch ge
nommen.
Schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts sehen wir sie mit kommissionsweisem
Einkauf von Wolle beschäftigt. Doch erst seit der Freigabe der Wollausfuhr durch
die preußische Regierung und nach dem endgültigen Frieden des Jahres 1815 hat
die eigentliche Entwickelung des Breslauer Wollmarktes begonnen, die dann aller
dings in überraschend kurzer Zeit zu jener gewaltigen Bedeutung geführt hat, die