Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 179 
Flurzwangs: alle Bauern desselben Dorfes mußten auf ihren 
Ackern desselben Flurabschnittes das gleiche Korn zu gleicher 
Zeit säen, zu gleicher Zeit ernten, da sie zumeist keinen Weg, 
der zu ihrem speziellen Acker führte, besaßen: allein dieser Flur— 
zwang, an sich immerhin noch eine ungemein starke Fessel der 
wirtschaftlichen Persönlichkeit, war gleichwohl ein unendlicher 
Fortschritt in individualistischer Richtung gegenüber dem 
agrarischen Kommunismus der Urzeit. 
Und was noch mehr besagen wollte: auch auf dem Ge⸗ 
biete des Familien- und Ehelebens waren die Schranken der 
Vorzeit während der Periode der Stammesstaaten in vieler 
Hinsicht gefallen. 
In der Urzeit war das Leben nicht bloß des Individuums, 
nein, auch noch der Familie aufs engste in den Schoß des 
großen Geschlechtes gebettet gewesen mit seinen Verwandt— 
schaftsringen bis ins siebente und in fernere Glieder; und 
noch nicht völlig hatte man das Zeitalter vergessen, in dem 
dies Geschlecht einstmals zugleich die einzige kriegerische und 
staatliche Institution des Volkes gewesen war!. Jetzt dagegen 
hatten langsame, aber grundstürzende Wandlungen die Be— 
deutung des Geschlechtes, wenn nicht beseitigt, so doch völlig 
in den Hintergrund gedrängt. Nachdem noch für die Besiedlung 
des Landes in einzelnen Dörfern vielfach der genealogische 
Gesichtspunkt maßgebend gewesen war, so daß die Dorfgenossen 
anfangs zugleich Genossen eines Geschlechtes waren, hatte sich 
an diese Stelle immer mehr der lokale Gesichtspunkt geschoben. 
Geschlechts- und Dorfgenossen wanderten aus, Fremde wan— 
derten zu: schon im 7. und 8. Jahrhundert verdunkelten diese 
Vorgänge die alten Formen des Zusammenlebens nach Ge— 
schlechtern. Im 9. und 10. Jahrhundert weiß man fast nichts 
mehr davon; die nachbarlichen Beziehungen allein bestimmen 
nunmehr das gegenseitige Verhältnis der Dorfgenossen: der 
alte Geschlechtszusammenhang ist nicht bloß seiner wirtschaft— 
lichen Stützung verlustig gegangen, — die wirtschaftliche Ent— 
wicklung hat ihn geradezu durchbrochen. 
Bgl. Band Ls, 166 ff.
	        
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