Full text : Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

216 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.

auf gleichen Stand mit der sonstigen deutschen Kirche brachten,
endlich sich der Selbständigkeit der Klöster gegenüber zahlreichen
Angriffen der Bischöfe und des Weltklerus annahmen.
Allein nun loderte das Feuer der neuen nationalen Fröm—
migkeit in den Klöstern besonders brünstig empor; die mönchische
Askese verschlang seit Mitte des 10. Jahrhunderts immermehr
alle anderen geistigen Interessen. Wie konnte da in ihnen noch
der zarte Funke klassischer Bildung erglühen?
Schon früh hatten fromme Gemüter die grundsätzliche Un—⸗
oereinbarkeit antiken Geistes und christlichen Lebens erkannt:
—
den Alten gewarnt, ihn aus einem Ciceronianer zum Christen
gemacht haben. Papst Gregor der Große hatte dann den
Gegensatz mit vollem Bewußtsein formuliert: jeder Mund, der
da Christus den Herrn preisen sollte, sei entheiligt durch die
Nennung antiker Götzen. Nun war mit der Karlingischen Re—
naissance allerdings ein Umschwung erfolgt. Mit fast unge—
trübter Wonne hatten die Zeitgenossen Karls des Großen sich
in Terenz, Ovid und Vergil, in Persius, Juvenal und Martial,
in Cicero, Sallust und den jüngeren Plinius versenkt; sie
hatten sie nicht minder geschätzt, als die großen Geister der
frühchristlichen Dichtung, einen Ausonius, Sedulius, Prudentius;
nur dem Leseeifer des 8. bis 10. Jahrhunderts verdanken wir
die Erhaltung der klassischen Litteratur in dem uns vorliegenden
Umfang.
Allein man begann doch bald, schon mit der Entwickelung
des kirchlichen Übergewichtes im Karlingenreich des 9. Jahr—
hunderts, den allseitigen Wert solcher Lektüre wieder zu be—
zweifeln. Und die Askese des 10. Jahrhunderts war sich ziem—
lich klar über die mit dem Studium der Alten verbundenen
Gefahren. Ratherius von Verona, dieser asketische Sonderling
und unermüdliche Wandersmann, meint noch verhältnismäßig
mild: man dürfe mit den Schätzen der Alten die Kirche nicht
anders schmücken, als wie die Kinder Israel den Tempel Je—
hovahs mit jenen Gold- und Silbergefäßen ausstatteten, die sie
den Einwohnern Ägyptens vor ihrem Auszug betrügerisch ent—
            
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