Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 217
liehen hatten. Andere dachten viel strenger; ja, es ging die
dunkle Rede, daß alle Anhänger der Alten nach dem Tode Gott
bhesonders schwere Rechenschaft ob ihres Thuns zu geben hätten!.
So wich die asketische Richtung immer weiter ab von den
Wegen einer wahren Renaissance; nur äußerlich, nur formal
noch wollten ihre Anhänger den Bildungsstoff der Antike in sich
aufnehmen.
Im selben Augenblick aber, da die strengkirchliche Richtung
sie zu verlassen drohte, erhielt die Antike neuen Beistand und
kräftige Belebung durch das Ottonische Kaisertum.
Im Geschlechte der Liudolfingen hatte schon während des
9. Jahrhunderts wenigstens unter den Frauen rege Bildung
geherrscht. Ihre Trägerin war namentlich Oda gewesen, die
fränkische Gemahlin Herzog Liudolfs; infolge eines Traum—
gesichtes ihrer Mutter hatte sie das Kloster Gandersheim ge—
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gesetzt, jene verständige niedersächsische Natur, der der gelehrte
Mönch Agius, ihr Bruder, in einer biographischen Toten—
klage das rührendste Denkmal geschwisterlicher Liebe gesetzt hat.
Gandersheim ist dann Träger gelehrter Bildung noch durch das
ganze 10. Jahrhundert geblieben.
In den Laienkreisen des Liudolfingischen Geschlechtes da⸗
gegen starb mit der Wende des 9. und 10. Jahrhunderts, wie
sonst in Deutschland, die gelehrte Bildung aus; dem König
Heinrich J. konnte ein schmeichelnder Geschichtsschreiber die Worte
in den Mund legen, er wolle sich lieber seiner bäurischen Ein—
falt freuen, als die Gefahren Ciceronianischer Feinheit laufen?;
und die Gemahlin Heinrichs, Mathilde, hat erst in höchstem
Alter mit zunehmender Frömmigkeit die Geheimnisse des Lesens
und Schreibens ergründet.
Viel weiter hat es auch Otto der Große nicht gebracht;
daneben sprach er ein wenig Slawisch und Romanisch. Aber,
ein echter Germane, würdigte er die fremden Sprachen nur
Das munkelte man sogar von Brun von Köln: Thietm. 2, 16 S. 28.
Liutpr. Antap. 4, 28.