Ottonische Renaissance; Kirchenreform und Universalpolitik. 219
höherer Bildung erzogen, allen voran der künftige Herrscher
Otto II.
Otto V. war dann wirklich mit Leib und Seele der an⸗
tiken Bildung ergeben; ganz anders als sein Vater bewegte er
sich in gelehrten Kreisen; persönlich wußte er mit Beweis und
Einrede in die wissenschaftlichen Erörterungen der Zeitgenossen
einzufallen. Dazu begann unter ihm ein bis dahin fast unzu⸗
gängliches Bildungselement eine gewisse Blüte zu versprechen.
In der schönsten Zeit der Karlingen war die Kenntnis des
Griechischen ziemlich verbreitet gewesen; in der ersten Hälfte
des 10. Jahrhunderts ward sie nur noch durch die Iren in
traditioneller Härte vermittelt. Jetzt vermählte sich Otto II.
mit der griechischen Theophanu; neben die politischen Be—
ziehungen zu Byzanz traten gesellschaftliche, geistige. Die Früchte
dieser Verbindung sah die Zeit Ottos III. Otto III. selbst
beherrschte das Griechische nicht minder wie das Lateinische;
in seine Zeit fällt die Vollreife, wenn nicht schon Überreife der
Ottonischen Renaissance, er ist der Euphorion des 10. Jahr⸗
hunderts. Wie späterhin, im letzten Zeitalter der Erneuerung
antiker, imperialer Ansprüche unter den Staufern, die Gebeine
Kaiser Karls erhoben und heilig gesprochen wurden zum Zeug⸗
nis gleichsam der engen Gedankenverbindung zwischen der kaiser⸗
lichen Politik und den politischen Anschauungen der Karlingischen
Renaissance, so erstand der große Kaiser schon unter Otto III.,
im Besuche der Achener Gruft durch den jugendlichen Kaiser,
zu gleichsam traumhaftem Leben: auch hier wird die Ähnlich—
keit der geistigen Konstellation der Zeit mit der Kultur der
Karlingischen Renaissance gleichsam symbolisch geahnt und ver—
kündet!.
War damit der spezifisch kaiserliche Charakter der Otto⸗
nischen Renaissance ums Jahr 1000 noch einmal energisch be⸗
tont, so hatte doch auch die ablehnende Haltung der kirchlich fort—
2 Auch im einzelnen war die Verbindung zwischen Ottonischer und
Karlingischer Renaissance nicht abgebrochen. Theodulf von Orleans wird
. B. noch im 10. Jahrhundert als Autorität der dichterischen Technik
geschätzt: Dümmler im N. Archiv 4, 241 f.