Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

230 Sechstes Buch. Drittes Kapitel. 
Instinkten. Die rythmische und die Reimprosa wird aus— 
gebildet; im epischen Vers, dem Hexameter, beginnt man zu 
reimen und zu allitterieren. Vergleiche werden, wie im heimischen 
Epos, vermieden; die Sprache ist fest und gedrungen und bewegt 
sich gern in den Wogenschwingungen steigender und sinkender 
Empfindung. Und diese Wandlungen vollziehen sich nicht bloß 
gegenüber Stoffen heimischen Inhaltes; sie greifen nicht minder 
rin auch bei Bearbeitungen antiker Fabeln; kein Gedicht dieser 
litterarischen Strömung ist ihnen wohl mehr unterworfen als 
Bernos gekünsteltes Oarmen de bello Trojano. 
In diesem Verfall, in der immer stärkeren Aufnahme 
deutscher Technik und deutschen Inhalts, deutschen Geschmackes 
und deutscher Gesinnung, hat sich die Dichtung der ottonischen 
Renaissance das Todesurteil geschrieben. Als ihre letzten Aus⸗ 
läufer mit dem Morgenrot der Staufischen Zeit dahinsanken, 
da war es klar, daß die Bedeutung der ottonischen Renaissance 
ebensowenig, wie die der karlingischen und der humanistischen, 
in der dauernden Befruchtung der nationalen Dichtung gesucht 
werden kann. Was diese Renaissance gleich der früheren und 
gleich den späteren endgültig geleistet hat, das war im wesent⸗ 
lichen nur eine Befruchtung des Wissens, eine Stärkung der 
wissenschaftlichen Triebe. 
Wie aber neben der ottonischen Renaissance in ihrer Höhe 
die deutsche Geschichtsschreibung erblüht war, so entwickelten 
sich ebenfalls noch unter dem Hauche klassischer Rezeptionen in 
Italien die Rechtsschule von Bologna, in Frankreich die aka⸗— 
demischen Studien von Paris mit ihrer größten Errungenschaft, 
der Scholastik. Romanische Völker haben damit in dieser Be— 
wegung schließlich die Palme davongetragen. Und die geistige 
wie die politische Entwicklung unseres Volkes schon gegen 
Schluß des 10. Jahrhunderts ist nicht zu verstehen ohne eine 
wenigstens oberflächliche Kenntnis der romanischen Geistesgeschichte 
des 10. Jahrhunderts. 
III. 
In Frankreich wie Italien flutete die Bewegung, die von 
der Karlingischen Renaissance ausging, unmittelbar und in ganz
	        
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